Auf diesem Weblog veröffentlichen wir regelmäßig Neuigkeiten zur Kraniofazialen Orthopädie:
- Antworten auf Fragen, wie zum Beispiel: Was ist …?
Oder: Wie entscheide ich bei …?
- Lösungen für Probleme aus der täglichen Praxis, wie zum Beispiel:
Was soll ich tun bei …?
- neue Artikel
- neue Video-Vorträge
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16. Mai 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
es sind so viele verschiedene und sich teilweise widersprechende Okklusionskonzepte beschrieben worden, dass ich unmöglich entscheiden kann, welches wirklich das “richtige” und “alleingültige” Okklusionskonzept ist. Ich stimme Slavicek zu, wenn er sagt: “Okklusionskonzepte sind von Menschen aufgestellte Regeln. Man muss sich immer streng vor Augen halten, dass die Natur solche Konzepte nicht kennt, sondern lediglich daran interessiert ist, erforderliche Funktionen möglichst optimal ablaufen zu lassen.“
Ich selbst orientiere mich an dem wissenschaftlich sehr fundierten Konzept von Slavicek. Es hat sich in unserer Praxis sehr bewährt, wobei ich allerdings nur einige Kriterien des umfangreichen Konzepts beachte. Diese sind:
- Die mittleren Schneidezähne haben keinen zentrischen und exzentrischen Zahnkontakt. Sie sind nur zum Sprechen und Abbeißen da.
- Die seitlichen Schneidezähne haben in der Zentrik keinen Kontakt. Bei den exzentrischen Grenzbewegungen nach lateral führen sie initial zusammen mit den Eckzähnen, die aber schnell die alleinige Führung übernehmen.
- Die Führung der lateralen Grenzbewegungen wird hauptsächlich von den Eckzähnen übernommen (initial – wie gesagt – führen die seitlichen Schneidezähne mit). Die zweiten und dritten Molaren dürfen dabei keine Kontakte haben, weder auf der Mediotrusions- noch auf der Laterotrusionsseite.
- Wichtig ist bei der Stellung der Schneide- und Eckzähne zueinander der so genannte interkoronale Freiraum. Dies bedeutet, dass die Palatinalflächen der oberen Schneide- und Eckzähne und die Labialflächen der unteren Schneide- und Eckzähne keinen flächigen Kontakt miteinander haben dürfen. Diese Zähne dürfen nicht zu steil stehen.
- Die Führung der protrusiven Grenzbewegungen erfolgt über die unteren ersten Prämolaren gegenüber den oberen Eckzähnen.
- Die Führung der retrusiven Grenzbewegungen wird von den Cristae transversae der oberen ersten Molaren übernommen.
- Achtung: “Der richtige Biss ist KEIN Biss!” Normalerweise wird der Unterkiefer in der Ruhelage gehalten, und die Zähne haben keinen Kontakt zueinander. Im ersten Post unserer Serie habe ich diese Zusammenhänge ausführlich beschrieben.
Im nächsten Weblog-Post schließen wir die Serie über die Okklusion ab. Es wird um die verschiedenen Möglichkeiten der Okklusionstherapie gehen.
Bis dahin herzliche Grüße
Erich Wühr
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Tags: Eckzahnführung, interkoronaler Freiraum, Okklusion, Okklusionskonzept, zentrische Okklusion Abgelegt in Okklusion | Keine Kommentare »
05. Mai 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
alle zwei Jahre organisert Uli Randoll seinen Matrix-Workshop in den Poseidon-Gärten (www.giardiniposeidon.it) auf der Insel Ischia im Golf von Neapel. Ich möchte es auch dieses Jahr nicht versäumen Sie/Euch auf dieses Kongress-Highlight aufmerksam zu machen. Uli hat wieder ein informatives Programm mit erstklassigen Referenten zusammengestellt. Ich genieße auch immer die informellen Gespräche und Zusammentreffen mit den Referenten und Teilnehmern außerhalb der Vorträge - beim Abendessen, im warmen Wasser der Thermalbecken, beim geselligen Zusammensein und so weiter.
Das ausführliche Programm können Sie sich/könnt Ihr Euch hier herunterladen.
Ich freue mich, wenn wir uns auf Ischia in den Poseidon-Gärten treffen werden: Wie immer morgens um 7.30 Uhr im 34°-Becken …
Liebe Grüße und alles Gute
Ihr/Euer Erich Wühr
Tags: Matrix-Workshop, Poseidon-Gärten Abgelegt in Seminare | Keine Kommentare »
30. April 2012
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
wir alle kennen sie: den charismatischen Arzt, die charismatische Therapeutin, die charismatische Rezeptionsdame. Wir kennen sie nicht nur aus Fernsehserien. Wir kennen sie aus eigener Erfahrung. Es gibt sie wirklich. Was macht das Charisma dieser „Medizinmenschen“ aus? Haben sie besonderes medizinisches Wissen und Können? Natürlich! Zumindest scheint es so! Aber da ist noch mehr: Wie sie auftreten und sich geben, wie sie mit ihren Patienten und deren Angehörigen umgehen, wie sie Krisen handhaben – die ihrer Patienten und ihre eigenen, wie sie mit ihren Mitarbeitern umgehen, wie sie ihre Aufgaben und ihr Leben meistern. Die gute Nachricht ist, dass man diese Verhaltensweisen lernen und trainieren kann.
Am 4. und 5. Mai findet in München ein Seminar für Ärzte und Unternehmer in medizinischen Dienstleistungsunternehmen statt. Die Teilnehmer erwarten zwei kurzweilige und nützliche Tage mit Martin Simmel, meinem Co-Author bei dem Buch “Charisma in der Patientenführung”!
Nähere Informationen erhalten Sie unter folgendem Link: http://nymphenburger-seminare.de/charisma/
Eine Leseprobe des Buchs zum Seminar können Sie direkt auf der Themenwebsite http://www.charisma-in-der-patientenführung.de einsehen.
Herzliche Grüße
Erich Wühr
Tags: Patientenführung Abgelegt in Patientenführung, Seminare | Keine Kommentare »
25. April 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in unserer Weblog-Serie über die Okklusion komme ich heute zur Okklusionsdiagnostik. Sie ist sowohl Teil der Klinischen als auch der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse des Kraniomandibulären Systems.
Innerhalb der Klinischen Form- und Funktionsanalyse beurteilen wir die Okklusion direkt am Patienten:
-
Als Erstes zählen wir die Zähne: Fehlende Zähne, die nicht adäquat ersetzt sind, bedeuten häufig Störungen der Okklusion, zum Beispiel: Kippungen und Elongationen von Nachbar- bzw. Gegenzähnen, Nichtanlagen mit (oft unvollständigem) kieferorthopädischem Lückenschluss, kieferorthopädische Extraktionstherapie, asymmetrische Zahnbögen durch einseitige Zahnextraktionen.
- Dann beurteilen wir, ob ausgeprägte intramaxilläre und intermaxilläre Okklusionsstörungen vorliegen: Tiefbiss/Deckbiss, frontal und seitlich offener Biss, frontaler und seitlicher Kreuzbiss, transversale Unterentwicklung der Zahnbögen, Engstände im Front- und Seitenzahnbereich sowie ein- und beidseitige Distalokklusion. Dies sind meiner Meinung nach Formstörungen, über die sich Bruxismus besonders belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystem auswirken kann.
- Schließlich überprüfen wir mit verschiedenfarbigen Okklusionsfolien die statischen bzw. dynamischen Kontaktmuster der habituellen Okklusion. Auffällige Befunde sind fehlende zentrische Kontakte, protrusive, retrusive, mediotrusive und laterotrusive Schlifffacetten an Seitenzähnen bei fehlender Eckzahnführung sowie frontolaterale Schlifffacetten an den Front- und Eckzähnen.
- Die zentrische Okklusion können wir meiner Meinung nach klinisch nicht eindeutig beurteilen, weil dazu eine lokale und physiotherapeutische Vorbehandlung notwendig ist. Außerdem ist eine vorbehandelte zentrische Unterkieferrelation nur in einem Artikulator eindeutig reproduzierbar.
Nach den gleichen Kriterien beurteilen wir die Okklusion innerhalb der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse. Allerdings sind dabei Gipsmodelle in einer physiotherapeutisch vorbehandelten zentrischen Position in einen Artikulator montiert. Dadurch ist es uns zusätzlich möglich, zentrische Vorkontakte zu identifizieren. Mein Vorgehen bei der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse habe ich schon in früheren Weblog-Posts beschrieben. Nur nach einer solchen instrumentellen Okklusionsanalyse ist die Planung einer definitiven und umfassenden Okklusionstherapie sinnvoll.
Im nächsten Weblog-Post will ich Ihnen vorstellen, mit welchem Okklusionskonzept ich arbeite.
Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr
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Tags: Bruxismus, Form- und Funktionsstörungen, Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse, Kaumuskulatur, Kiefergelenke, Klinische Form- und Funktionsanalyse, Knirschen und Pressen, Okklusion, Okklusionsstörungen, Wange, Zahneindrücke, zentrische Kondylenposition, zentrische Okklusion, Zunge Abgelegt in Okklusion | Keine Kommentare »
04. April 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
von den drei pathogenetischen Wegen, wie sich okklusale Formstörungen belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems auswirken können, habe ich in den letzten beiden Weblog-Posts die hohen Kräfte beim Bruxismus und den Einfluss von propriozeptiven Afferenzen aus dem Kausystem auf die Gleichgewichtsregulation bzw. die Körperhaltung beschrieben. Heute geht es um die so genannte Zwanghafte okklusale Vigilanz. Sie ist am schwierigsten zu behandeln: Sie erfordert sowohl die Einsicht und die Mitarbeit des Patienten als auch die Behandlung durch einen Psychotherapeuten.
Es geht um Patienten mit therapieresistenten Kopf- und Gesichtsschmerzen und einem besonderen Leidensweg: Solche Patienten sind seit Jahren von einem gnathologischen Spezialisten zum nächsten „gewandert“ und präsentieren sich mit einer ganzen Reihe von Aufbiss-Schienen. Allein die Linderung ihrer Beschwerden ist bisher ausgeblieben. Die Patientinnen – es handelt sich in unserer Praxis fast ausschließlich um Frauen – erscheinen verzweifelt und berichten über einen enormen Leidensdruck. Den Beginn ihrer Beschwerden ordnen sie meist einer bestimmten restaurativen oder prothetischen Zahnbehandlung mit einer entsprechenden Okklusionsveränderung zu. Sie sind verbittert und weisen dem dafür verantwortlichen Zahnarzt „die ganze Schuld“ an ihren Beschwerden zu. Typischerweise breiten sich die Beschwerden im Laufe der Zeit von der Kopf-Gesichtsregion ausgehend in andere Körperregionen aus. Die Ganzkörperschmerzzeichnung dieser Patientinnen zeigt oft eine diffuse Schmerzverbreitung über fast den ganzen Körper.
In Fachkreisen werden diese Patienten als „Koryphäenkiller“ bezeichnet, weil schon mehrere Fachkoryphäen mit ihren Behandlungsversuchen (meist Aufbiss-Schienen) an den Beschwerden gescheitert sind. Aus der Perspektive der betroffenen Patienten ist dieses Verhalten des „doctor shoppings“ der mehr oder weniger verzweifelte Versuch, durch maximale Eigeninitiative eine Lösung für ihre Probleme zu finden – leider an den falschen Stellen mit den falschen Methoden. Die Diagnose atypischer Gesichtsschmerz (neuerdings zunehmend Fibromyalgie) begleitet diese Patienten. Besonders auffällig ist, dass sie fachlich hervorragend informiert sind. Sie kennen die biomechanischen Fachausdrücke von „Fronteckzahnführung“ über „Mediotrusion“ bis „Zentrik“ und sehen sich selbst schon als Experten der Okklusion. Sie erwarten sich von uns die „geniale“ Aufbiss-Schiene, die ihre Kopf- und Gesichtsschmerzen ein für alle Mal beseitigt. Die Gefahr ist groß, dass wir in diese Falle tappen und einen weiteren biomechanischen Behandlungsversuch mit einer Aufbiss-Schiene starten.
Diese Patientinnen leiden an einer zwanghaften (anankastischen) psychischen Störung: Sie richten ihre Aufmerksamkeit zwanghaft und permanent auf ihre Okklusion. Sie haben dauernd ihre Zähne aufeinander und prüfen ihre Zahnkontakte. Sie haben verlernt, dass die normale Lage des Unterkiefers die Ruhelage ist – ohne Zahnkontakte. In der Psychologie bezeichnet man diese Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einen Wahrnehmungsinhalt als Vigilanz. Wie ich mir die Entstehung der Zwanghaften okklusalen Vigilanz erkläre, habe ich in einem längeren Artikel beschrieben, den Sie hier herunterladen können.
Der Umgang mit diesen Patienten erfordert viel Einfühlungsvermögen, kommunikative Kompetenz und Zeit. Zunächst müssen wir das Anliegen des Patienten ernst nehmen. Auf keinen Fall dürfen wir die Beschwerden als eingebildet und „psychisch“ abwerten. Wir müssen Verständnis zeigen und geduldig zuhören. Auch im eigenen Interesse: Wir ersparen uns viel Ärger und Frustration, wenn wir nicht in die „biomechanische Falle“ tappen und den Patienten in die richtige Richtung lenken. Selbst wenn sich der Patient nicht einsichtig zeigt und sich enttäuscht von uns abwendet, ist dies für ihn und für uns besser als eine erneute Fehlbehandlung.
In den nächsten Weblog-Posts geht es um:
- Okklusionsdiagnostik
- Das “richtige” Okklusionskonzept
- Okklusionstherapie
Bis zum nächsten Mal
Ihr Erich Wühr
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Tags: Okklusion, Okklusionsstörungen, psychogener Schmerz, Zwanghafte okklusale Vigilanz Abgelegt in Okklusion | Keine Kommentare »
21. März 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich möchte es nicht versäumen, Sie alle auf den diesjährigen Europäischen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ganzheitliche Schmerztherapie (DAGST) vom 13. bis 18. Mai am Gardasee hinzuweisen. Das Thema des Kongresses ist Kopf – Kiefer – Rücken Die Vertikalachse des Schmerzes. Es werden namhafte Referenten vortragen. Außerdem sind Fallkonferenzen geplant. Wie immer dürfen wir von der DAGST eine erstklassige Veranstaltung erwarten – und das in einem angenehmen Ambiente …
Hier können Sie das Übersichtsprogramm und das Detailprogramm herunterladen.
Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr
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14. März 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
von den drei pathogenetischen Wegen, wie sich okklusale Formstörungen belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems auswirken können, habe ich im letzten Weblog-Post den Bruxismus beschrieben. Heute geht es um die Bedeutung der Okklusion für die Gleichgewichtsregulation.
Obwohl die hohen Kräfte beim Bruxismus meiner Meinung nach die wichtigste Rolle spielen, dürfen wir auch die Bedeutung okklusal bedingter Afferenzen für die Gleichgewichtsregulation nicht außer Acht lassen.
Die Gleichgewichtsregulation ist eine Funktion des Kleinhirns (Zerebellum). Ziel ist, das Gleichgewicht des Körpers im Schwerkraftfeld der Erde permanent zu halten. Das Ergebnis der Gleichgewichtsregulation ist also die Körperhaltung.
Dabei funktioniert das Kleinhirn wie Computer: Es bekommt Input (Afferenzen) aus dem Auge (Netzhaut), dem Innenohr (Bogengänge und Schnecke), den Propriozeptoren der Kopfgelenkmuskeln (Tractus cuneocerebellaris), den Propriozeptoren der Muskeln, Ligamente und Gelenkkapseln der gesamten Stützmuskulatur (vor allem der Fußgewölbemuskeln) und aus den Rezeptoren des Kausystems. Letztere melden okklusale Kontakte über trigeminozerebellare Projektionen an das Kleinhirn. Auch propriozeptiver Input aus den Kaumuskeln und aus den Kiefergelenken wird über diese Projektion an das Kleinhirn gemeldet. Das Kleinhirn verrechnet nun all diese Inputs und steuert entsprechend die Stützmuskulatur, wobei diese Steuerungsimpulse auch in alle bewusst und unterbewusst intendierten Bewegungsimpulse des Endhirn eingehen.
Warum geht propriozeptiver Input aus dem Kausystem in die Gleichgewichtregulation ein? Ich habe zwei Vermutungen:
Meine erste Hypothese ist, dass phylogenetisch betrachtet das Kausystem auch Kampf- und Beutefassorgan war. Und diese Funktionen brauchen eine enge Abstimmung mit den anderen Bewegungssystemen, die durch die Verbindungen zum Kleinhirn gewährleistet ist.
Meine zweite Hypothese ist, dass die maximale Interkuspidation beim Schlucken der Gleichgewichtsregulation regelmäßig eine eindeutige kalibrierende Nullposition bietet: Ähnlich einem Industrieroboter, der regelmäßig seine Nullposition einnehmen muss, um eine Anhäufung von Fehlern zu vermeiden, könnte es sein, dass auch das Kleinhirn in der Regulierung des Gleichgewichts eine solche Nullposition braucht. Diese Zusammenhänge würden auch erklären, warum Menschen die Zähne zusammenbeissen, wenn sie größere Kräfte entfalten wollen, zum Beispiel beim Heben schwerer Gegenstände. Mit zusammengebissenen Zähnen ist es leichter, das Gleichgewicht zu halten.
Nach den hohen Kräften beim Knirschen ist dies also der zweite pathogenetische Weg, wie okklusale Formstörungen Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems belasten und zu myofaszialen Schmerzen führen können: Okklusale Formstörungen können zu Körperfehlhaltungen führen bzw. dazu beitragen und entsprechende Muskel- und Gelenkbelastungen auslösen.
Im nächsten Weblog-Post beschreibe ich den dritten pathogenetischen Weg: Die Zwanghafte okklusale Vigilanz.
Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr
Über Ihre Kommentare freue ich mich!
Tags: Gleichgewichtsregulation, Körperhaltung, Muskel- und Gelenkschmerzen, Okklusion, Okklusionsstörungen Abgelegt in Okklusion | 3 Kommentare »
22. Februar 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Bruxismus ist das Phänomen, dass bei der aggressiven, kämpferischen Form der Stress-Reaktion auch die Kaumuskulatur aktiviert wird, was zu Knirschen und Pressen mit den Zähnen führt. Dies geschieht mit extrem hohen Kräften: 200 bis 300 Kilopond sind beim nächtlichen Zähneknirschen gemessen worden. Tagsüber werden diese hohen Kräfte zwar nicht erreicht, jedoch wird auch bei täglichem Stress die Kaumuskulatur stärker aktiviert als bei den anderen Funktionen des Kausystems.
So hohe Kräfte und Belastungen wie beim nächtlichen Bruxismus kommen im Leben eines Menschen normalerweise nicht vor. Selbst bei Unfällen werden diese Kräfte selten erreicht. Und dann auch nur episodisch. Mit den Zähnen geknirscht wird jedoch jede Nacht und auch tagsüber, denn Stress ist eine normale Regulationsfunktion des Körpers: Tagsüber stellt sie dem Körper genügend Energie für seine verschiedenen Aktivitäten bereit. Nachts werden die täglichen Erlebnisse im Sinne von Psychohygiene verarbeitet, vor allem in den Traumphasen. Und dabei wird wieder die Kaumuskulatur aktiviert. Ich rechne deshalb Bruxismus zu den normalen Funktionen des Kausystems: Das Kausystem ist für mich vielmehr ein Stress-Organ und ein Organ der Stressorenverarbeitung als ein Kauorgan.
Es ist vor allem ein bestimmter Menschen- bzw. Persönlichkeitstyp betroffen: “Knirscher” und “Presser” sind in der Regel engagierte Menschen; Menschen die sich durchbeißen durch’s Leben, Macher, Manager, Perfektionisten, manchmal mit Hang zur Pedanterie. Sie sind zuverlässig; sie wollen alles richtig und es jedem recht machen. Wegen der hohen Kräfte, die sie bei Knirschen und Pressen ausüben, überlasten sie ihre Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems. Vor allem dann, wenn Okklusionsstörungen vorliegen. Dann entstehen myofasziale Schmerzen besonders leicht.
Wir können zentrischen und exzentrischen Bruxismus unterscheiden:
Beim zentrischen Bruxismus (Pressen) presst der betroffene Mensch sein Zähne in der habituellen Okklusion aufeinander. Es entstehen keine Abrasionen von Zahnhartsubstanz. Die Kiefergelenke sind dabei nicht belastet, weil der Unterkiefer durch die Zähne hart abgestützt ist. Die beiden Ossa temporalia sind durch die Galea aponeurotica straff miteinander verbunden, so dass sich die Kräfte des linken und rechten M. masseter in ihrer Wirkung auf die räumliche Lage der Ossa temporalia und damit der Fossae der Kiefergelenke gegenseitig aufheben.
Beim exzentrischen Bruxismus bewegt bzw. reibt der betroffene Mensch seine Zähne auf pro- und retrusiven Flächen bzw. auf latero- und mediotrusiven Flächen aneinander. Dies kann geräuschvoll oder lautlos erfolgen. Die Gewebe der Kiefergelenke werden belastet, wenn auch nicht mit den gleichen hohen Kräften, wie die Zähne. Auf Dauer jedoch wird es zu Formveränderungen dieser Gewebe (zum Beispiel des Diskus) kommen. Zunge und Wangen schieben sich wie Polster zwischen Ober- und Unterkieferzähne um die Kräfte zu dämpfen. Es entstehen Zahneindrücke in diesen Weichteilen. Mit der Zeit bilden sich durch Abrasionen von Zahnhartsubstanz Schlifffacetten aus.
In jedem Fall wird beim Bruxismus die Muskulatur stark belastet. Nicht nur die Kaumuskulatur, sondern auch die antagonistischen hyoidalen Muskeln und die komplementären Nackenmuskeln werden beansprucht: Pathohistochemisch kommt es auf Dauer zu Prozesstörungen auf zellbiologischer Ebene im Bindegewebe der betroffenen Muskeln: Azidose, Mikrozirkulationsstörungen, Sauerstoff- und ATP-Mangel, Mikrokontrakturen und schließlich nozizeptiver Schmerz.
Zur Vermeidung hoher Kräfte beim nächtlichen Bruxismus eignet sich besonders die so genannte Jig-Schiene. Sie wirkt durch Auslösung eines Reflexes: Sobald der N. trigeminus spürt, dass nur die unteren Frontzähne auf dem Jig Kontakt haben, schaltet er reflektorisch die Kraftentfaltung in der Kaumuskulatur herunter auf 1 bis 3 Kilo. Diese Wirkung eines Jigs ist in mehreren elektromyografischen Studien bestätigt worden.
Im nächsten Weblog-Post werde ich beschreiben, wie sich Okklusionsstörungen negativ auf die Gleichgewichtsregulation und damit auf die Körperhaltung auswirken können.
Herzliche Grüße und viel Erfolg
Ihr Erich Wühr
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Tags: Bruxismus, chronischer nozizeptiver Schmerz, Jig-Schiene, Knirschen und Pressen, Okklusion, Okklusionsstörungen, Stressreaktion Abgelegt in Okklusion | 2 Kommentare »
06. Februar 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
für meine Videos zur Kraniofazialen Orthopädie habe ich jetzt auch einen Youtube-Kanal eingerichtet: http://www.youtube.com/user/ewuehr?feature=watch
Auch für meine eigene Fortbildung ist Youtube in den letzten Monaten ein wichtiges Leitmedium geworden. Es ist verblüffend, wieviele nützliche Informationen aus diesem Medium herauszuholen sind: über Medizin und Zahnmedizin, Psychologie und Philosophie, Naturwissenschaften … einfach einen Suchbegriff eingeben und los geht’s … und alles kostenlos zugänglich!
Viel Erfolg und alles Gute
Erich Wühr
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01. Februar 2012
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Okklusionsstörungen sind Formstörungen der Kau- und Führungsflächen von Zähnen. Sie entstehen aufgrund von
- Zahnfehlstellungen
- Dysgnathien
- Zahnformanomalien
- Zahnzahlanomalien
- iatrogen durch restaurative und/oder prothetische Maßnahmen
- iatrogen durch kieferorthopädische Maßnahmen
- iatrogen durch chirurgische Maßnahmen
Als Formstörungen belasten Okklusionsstörungen unmittelbar die Funktionen des Kraniomandibulären Systems. Diese Funktionen sind Kauen, Schlucken, Sprechen, Atmen sowie Knirschen und Pressen. Bei den Funktionen Kauen, Schlucken, Sprechen und Atmen wirken so geringe Muskelkräfte, dass die entsprechenden funktionellen Belastungen innerhalb und außerhalb des Kausystems in der Regel leicht adaptiert bzw. kompensiert werden können und nicht zu Symptomen führen. Beim Knirschen und Pressen (vor allem nächtlichem Bruxismus) entstehen allerdings so hohe Kräfte, dass die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden können.
Okklusionsstörungen sind also nicht unbedingt und von vornherein behandlungswürdig. Erst wenn hohe Muskelkräfte beim Knirschen und Pressen einwirken, können die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden. Dies ist in der Praxis der wichtigste und häufigste pathogenetische Weg, wie Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystem führen können. Darüber hinaus gibt es aber noch zwei weitere Wege:
- Okklusionsstörungen können die Gleichgewichtsregulation und damit die Körperhaltung negativ beeinflussen.
- Zwanghafte Patienten können vigilant werden. Das heißt: Sie fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf die Okklusion und aktivieren permanent ihre Kaumuskulatur, um ihre Zahnkontakte zu überprüfen. Sie verlernen, die Ruhelage des Unterkiefers einzunehmen. Sie verlernen, dass “der richtige Biss KEIN Biss ist”.
In den nächsten drei Weblog-Posts werde ich diese drei Möglichkeiten beschreiben, wie aus meiner Sicht Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen führen können:
- Bruxismus
- Propriozeptiver Input für die Gleichgewichtsregulation
- Zwanghafte okklusale Vigilanz
Herzliche Grüße und alles Gute
Ihr Erich Wühr
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Tags: Bruxismus, Form- und Funktionsstörungen, Gleichgewichtsregulation, Knirschen und Pressen, Okklusion, Okklusionsstörungen, Zwanghafte okklusale Vigilanz Abgelegt in Okklusion | 5 Kommentare »
© Dr. med. dent. Erich Wühr | Müllerstraße 7 | 93444 Bad Kötzting | Tel.:09941-1706
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E-Mail: Dr. med. dent. Erich Wühr - ewuehr@zahnarztrpraxis-dr-wuehr.de E-Mail: Dr. med. dent. Wolfgang Funk - wfunk@zahnarztpraxis-dr-wuehr.de
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