Archiv für die Kategorie ‘Grundlagen’

Was ist Kiefer-ORTHOPÄDIE?

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Kiefer-ORTHOPÄDIE ist ein Synonym für Kraniofaziale Orthopädie – aus der Sicht einer Kieferorthopädin [oder eines Kieferorthopäden].

Die klassische Kieferorthopädie behandelt nahezu ausschließlich Kinder und Jugendliche mit Zahnfehlstellungen und Kieferanomalien (Dysgnathien) und einige wenige Erwachsene mit ästhetischen Anliegen. Damit ist sie in den letzten Jahren in den Rechtfertigungsnotstand gekommen, eigentlich keine medizinische Teildisziplin zu sein: Kritiker behaupten, kieferorthopädische Behandlungen seien medizinisch nicht notwendig; sie seien lediglich kosmetische Maßnahmen und Verschwendung von Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung.

In der Kiefer-ORTHOPÄDIE bzw. Kraniofazialen Orthopädie werden Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystems behandelt. Dies sind echte medizinische Indikationen, die zudem die Volkswirtschaft enorm belasten. Diese Patienten werden von der klassischen Kieferorthopädie bisher weitgehend vernachlässigt: Eine Chance der Weiterentwicklung des Fachs für jede einzelne, medizinisch denkende Kieferorthopädin und für die universitäre sowie für die praktische Kieferorthopädie insgesamt. Kiefer-ORTHOPÄDIE ist eine Teildisziplin der Medizin.

Was sind die Funktionen des Kraniomandibulären Systems?

Mittwoch, 06. Oktober 2010

Das Kraniomandibuläre System ist in Form und Funktion schwer abzugrenzen – zu vielfältig sind die Vernetzungen und Wechselwirkungen mit Nachbarsystemen.  Die für die Kraniofaziale Orthopädie relevanten Funktionen des Kraniomandibulären Systems sind Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen, Sprechen und Atmen. Das Kraniomandibuläre System ist eigentlich vielmehr als ein Kauorgan.

Funktionsstörungen des Kraniomandibulären Systems (craniomandibuläre Dysfunktionen, CMD) sind demnach Kau- und Schluckstörungen, übermäßige Kräfte beim Knirschen und Pressen sowie Sprech- und Atemstörungen. Sie gehen einher bzw. entstehen durch Formstörungen des Kraniomandibulären Systems: Zahnformstörungen (vor allem der Kaufläche, das sind so genannte Okklusionsstörungen), Zahnzahlanomalien, Zahnfehlstellungen und Kieferanomalien. Deshalb untersuchen und behandeln wir in der Kraniofazialen Orthopädie Funktionsstörungen des Kraniomandibulären Systems immer in Verbindung mit seinen Formstörungen.

Von besonderer pathogenetischer Bedeutung sind die übermäßigen Kräfte, die beim Knirschen und Pressen mit den Zähnen entstehen (Bruxismus). Sie überlasten bei vielen Menschen Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kraniomandibulären System und führen zu entsprechenden myofaszialen Schmerzen. Mit Hilfe einer Jig-Schiene können hohe Kräfte beim Knirschen und Pressen vermieden werden.

Eine bedeutende Rolle spielt das Kraniomandibuläre System in der Regulation des Körpergleichgewichts im Schwerkraftfeld der Erde. Das zentrale Regulationsorgan ist dabei das Kleinhirn. Es bekommt seine Afferenzen aus verschiedenen Sensoren und Rezeptoren: aus dem Sehsinn, aus dem Hörsinn und dem Gleichgewichtssinn, aus den Propriozeptoren aller Stütz- und Bewegungsmuskeln (vor allem der Fußsohle) und nicht zuletzt aus den Rezeptoren des N. trigeminus im Zahnahlteapparat jedes Zahnes, den Kaumuskeln und der Kapseln der Kiefergelenke. Entsprechend dieses sensorischen und rezeptorischen Inputs reguliert das Kleinhirn efferent das Körpergleichgewicht. Das Ergebnis dieses Regulationsvorgangs ist die Körperhaltung. In unserem Buch über Kraniofaziale Orthopädie haben wir diese neurophysiologischen Zusammenhänge ausführlich beschrieben.

Okklusionsstörungen aufgrund von Formstörungen der Kauflächen, Zahnfehlstellungen, fehlenden Antagonisten und/oder Kieferanomlien geben störenden afferenten Input an das Kleinhirn. Dies kann zu Körperfehlhaltungen und entsprechenden muskulären Überlastungen und Schmerzen führen. Auch Schwindelerkrankungen können die Folge sein. Mit einer Stabilisierungsschiene können wir für störungsfreien propriozeptiven Input sorgen und therapeutisch auf Körperfehlhaltungen einwirken.