Archiv für die Kategorie ‘Befunderhebung’

Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse

Dienstag, 04. Oktober 2011

Teil 1: Einführung und Krafteinleitungsebene

Bei der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse untersuchen wir Form und Funktion des Kausystems mit Instrumenten: Gesichtsbogen, Artikulator und Gipsmodelle. Sie ist im Rahmen der Kraniofazialen Orthopädie indiziert, wenn

  • die Probebehandlung mit der Jig-Schiene erfolgreich war und
  • der Patient angibt, dass er morgens, wenn er die Jig-Schiene herausnimmt, seinen „normalen“ Biss nicht findet.

Wenn allerdings ausgeprägte Formstörungen im Sinne von Zahnfehlstellungen oder Kieferanomalien vorliegen (Tiefbiss/Deckbiss, frontal oder seitlich offener Biss, frontaler oder seitlicher Kreuzbiss, einseitige oder beidseitige Distalokklusion), verzichten wir auf eine Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse und leiten sofort eine kieferorthopädische Behandlung ein.

Die Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse beantwortet uns vor allem folgende Fragen:

  1. Wie ist (derzeit) die räumliche Lage des Oberkiefers im Schädelgefüge? In Relation zu den Ossa temporalia?
  2. Wie ist (derzeit) die räumliche Lage des Unterkiefers in Relation zum Oberkiefer nach systemischer Vorbehandlung und wie verlässlich ist sie?

Zur Beantwortung der ersten Frage legen wir einen arbiträren Gesichtsbogen an: Der Gesichtsbogen wird an der Camper’schen Ebene ausgerichtet. Die Camper’sche Ebene ist definiert durch die Tragusspitzen am linken und rechten Ohr und durch den Subnasalpunkt. Ein Gipsmodell des Oberkiefers wird so in den Artikulator montiert, dass das Oberteil des Artikulators zur Camper’schen Ebene parallel ist. Mit Hilfe eines rechtwinkligen Kauebenentisches können wir beurteilen, wie die Kauebene des Oberkieferzahnbogens zur Camper’schen Ebene (also in Relation zu den Ossa temporalia) im Gefüge der Schädelknochen liegt.

Begründung: An der Kaufläche des Oberzahnbogens werden die funktionellen Kräfte beim Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen in das Gefüge der Schädelknochen eingeleitet. Die Kräfte werden orthognath eingeleitet, wenn die Kaufläche des Oberkieferzahnbogens parallel zur Camper’schen Ebene liegt; sie werden dysgnath eingeleitet, wenn dies nicht der Fall ist. In jedem Fall müssen die eingeleiteten Kräfte von der Hals- und Nackenmuskulatur kompensiert werden. Die geringen Kräfte beim Kauen und Schlucken fordern die Kompensationsfähigkeit der Hals- und Nackenmuskeln kaum. Die hohen Kräfte beim Knirschen und Pressen jedoch belasten diese Muskeln sehr, vor allem wenn zusätzlich eine dysgnathe Krafteinleitung vorliegt, weil die Kaufläche des Oberkiefers nicht parallel zur Camper’schen Ebene liegt. Diese Belastung kann sich in den Schultergürtel und in den Rücken fortsetzen.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Die Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse ist indiziert, wenn die Probebehandlung mit der Jig-Schiene erfolgreich war und der Patient angibt, dass er morgens, wenn er die Jig-Schiene herausnimmt, seinen „normalen“ Biss nicht findet. Sie
beantwortet uns die Fragen, wie der Oberkiefer im Schädelgefüge eingelagert ist, wie nach systemischer Vorbehandlung der Unterkiefer in Relation zum Oberkiefer liegt und wie verlässlich diese Lage ist. In einem ersten Schritt montieren wir mit Hilfe eines arbiträren Gesichtsbogens ein Oberkiefermodell in Relation zur Camper’schen Ebene und beurteilen, ob die funktionellen Kräfte beim Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen orthognath oder dysgnath in den Nacken eingeleitet werden.

Im nächsten Weblog-Post beschreibe ich, wie wir nach systemischer Vorbehandlung die Unterkieferrelation bestimmen.

Herzliche Grüße

Ihr Erich Wühr

Exkurs: Gelenkgeräusche

Dienstag, 20. September 2011

Gelenkgeräusche sind Ausdruck von Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke. Sie gelten nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht als behandlungswürdig. Trotzdem sind sie Hinweise darauf, dass belastende funktionelle und externe Kräfte vorliegen. Ich halte deshalb Gelenkgeräusche für behandlungswürdig, wenn

  • Gelenkschmerzen vorliegen,
  • ausgeprägter Bruxismus besteht,
  • umfangreiche prothetische Restaurierungen
    anstehen oder
  • der Patient die Behandlung wünscht, weil die
    Gelenkgeräusche deutlich hörbar sind und sein Sozialverhalten beeinträchtigen.

Die wohl häufigste Form von Gelenkgeräuschen ist das Gelenkknacken. Es tritt auf, wenn Eindellungen oder Verlagerungen von Diskusgewebe bestehen, die sich bei exkursiven Bewegungen des Kondylus reponieren. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

  1. In habitueller Okklusion ist die Diskus-Kondylusrelation intakt, und der Kondylus „springt“ bei exzentrischer Bewegung in eine Eindellung bzw. der Diskus verlagert sich. Diese Formstörungen entstehen vor allem durch exzentrischen Bruxismus (protrusiv-laterales Knirschen).
  2. Und umgekehrt: In habitueller Okklusion liegt der Kondylus in einer Eindellung bzw. ist der Diskus verlagert, und während einer exkursiven Bewegung „springt“ der Kondylus in eine normale die Diskus-Kondylusrelation. Diese Formstörungen entstehen vor allem durch zentriknahen Bruxismus (retrusives Knirschen).

Diese beiden Möglichkeiten sind leicht zu differenzieren, indem wir in der habituellen Okklusion am Kinnwinkel nach kranial gerichteten Druck ausüben und dann den Patienten bitten, den Mund langsam zu öffnen. Im ersten Fall wird sich das Knacken früher zeigen, weil unser kranialer Druck das „Abspringen“ des Kondylus von der normalen Diskus-Kondylusrelation unterstützen wird. Im zweiten Fall wird unser kranialer Druck das „Aufspringen“ des Kondylus in eine normale Diskus-Kondylusrelation verzögern oder ganz verhindern, wodurch das Knacken später oder gar nicht auftreten wird.

Vom diskusbedingten Gelenkknacken zu unterscheiden, ist das Geräusch, wenn der laterale Kondyluspol bei exzentrischer Bewegung über die laterale Verstärkung der Gelenkkapsel (Ligamentum laterale) „schnalzt“. Wir können zwischen diesem Geräusch und dem wesentlichen häufigeren Diskusknacken
differenzieren, indem wir während der exkursiven Bewegung den aufsteigenden Ast des Unterkiefers nach medial drücken und so den lateralen Kondyluspol  vom Ligamentum laterale weghalten. Das „Schnalzen“ über das Band tritt dann nicht auf; ein Diskusknacken bleibt bestehen.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Wir halten Gelenkgeräusche in bestimmten Situationen durchaus für behandlungswürdig: Nämlich, wenn Gelenkschmerzen vorliegen, ausgeprägter Bruxismus besteht, umfangreiche prothetische Restaurierungen anstehen oder der Patient die Behandlung wünscht, weil die Gelenkgeräusche deutlich hörbar sind und sein Sozialverhalten beeinträchtigen. Die verschiedenen Arten von Gelenkgeräuschen können wir durch manuelle Untersuchungstechniken leicht unterscheiden.

Die Behandlung von Gelenkgeräuschen werden wir in einem späteren Weblog-Post beschreiben. Voraussetzung einer gelingenden Behandlung wird sein, dass wir belastende funktionelle und externe Kräfte eliminieren.

Im nächsten Post werden wir die Indikationen und unsere Art der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse vorstellen.

Herzliche Grüße

Ihr Erich Wühr

Klinische Form- und Funktionsanalyse

Dienstag, 06. September 2011

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

herzlich willkommen zurück aus der Sommerpause. Ich hoffe, Sie hatten erholsame Ferien. Wie angekündigt setzen wir heute unsere Weblogserie „Die Kiefergelenke – Was müssen wir als Praktiker wissen?“ fort. Wenn Sie neu dazugekommen sind oder sich die vorangegangenen Posts nochmal durchlesen wollen, dann finden Sie diese im Archiv des Weblogs unter „Kiefergelenke“ …

Damit haben wir im Juli aufgehört:

Die regulative, regenerative, adaptative und kompensatorische Kapazität der Bindegewebe der Kiefergelenke ist groß: Auch bei ausgeprägten Gewebeveränderungen können die Gelenke hinreichend und symptomfrei funktionieren. Das bedeutet, dass nicht jede strukturelle und funktionelle Störung in den Kiefergelenken behandelt werden muss. Wenn wir uns aufgrund eines Patientenanliegens, rezidivierender  Kieferklemme oder Kiefersperre, vor umfangreichen restaurativen und/oder prothetischen Sanierungen oder bei Muskel- und Gelenkschmerzen dazu entschließen, Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke zu behandeln, dann müssen wir zuallererst belastende funktionelle und belastende externe Kräfte identifizieren und eliminieren.

Wir wenden uns zuerst der Identifizierung belastender Kräfte zu. Es stehen uns vier Vorgehensweisen zur Verfügung:

  • Klinische Form- und Funktionsanalyse
  • Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse
  • Bildgebende Verfahren
  • Haltungs- und Bewegungsanalyse

Diese Verfahren werden wir in den folgenden Posts besprechen. Abschließen werden wir unsere Weblogserie mit Posts über die Eliminierung belastender Kräfte und über die Wiederherstellung von Form und Funktion der Kiefergelenke. Heute nun die

Klinische Form- und Funktionsanalyse

Diese Methode der Befunderhebung hat eine lange Geschichte: Der dänische Zahnmediziner Krogh-Poulsen hat schon in den 1970er Jahren seine Klinische Funktionsanalyse vorgestellt und propagiert. Von dem Physiotherapeuten und Osteopathen Groot Landeweer und dem Zahnmediziner Bumann wurde die Vorgehensweise wesentlich verfeinert und erweitert. Ihre Methode, die so genannte Manuelle Funktionsdiagnostik, ist die Anwendung osteopathischer Methoden auf die Untersuchung von Form und Funktion der Kiefergelenke. Sie ist in dem hervorragenden Thieme-Atlas  Bumann A und Lotzmann U. Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien. Farbatlanten der Zahnmedizin, Bd. 12. Stuttgart: Thieme 2000 ausführlich beschrieben. Allerdings ist die Manuelle Funktionsdiagnostik sehr detailliert und umfangreich. So haben Ahlers und Jakstat in 2001 einen schnellen und sicheren CMD-Kurzbefund vorgestellt, der von der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) als Einstiegs- und Routinemethode empfohlen wird und auch von Ärzten und Therapeuten als Screening-Untersuchung einfach erlernt und angewendet werden kann.

Wir nennen unsere Vorgehensweise Klinische Form- und Funktionsanalyse. Wir suchen dabei, nur mit unseren Augen und Händen „bewaffnet“, nach Form- und Funktionsstörungen im Kraniomandibulären System, die uns Rückschlüsse auf bestehende funktionelle Belastungen durch Bruxismus erlauben. Wir meinen, dass nur die enorm hohen Kräfte beim Zähneknirschen ausreichend sind, um die regulative und adaptive Kapazität der Gewebe der Kiefergelenke zu überlasten und zu Gelenkschmerzen zu führen. Die funktionellen Kräfte beim Kauen, Schlucken, Sprechen und Atmen halten wir dagegen für zu gering, um die Regulations- und Adaptationskapazität der Kiefergelenke zu überlasten.

Klinische Zeichen für Bruxismus sind:

  • Funktionsstörungen der Mundöffnung (Asymmetrie, Einschränkung und/oder Gelenkgeräusche)
  • Druckschmerzen der Muskulatur (M. masseter, M. sternocleidomastoideus, Subokzipitalmuskulatur, M. trapezius)
  • Zahneindrücke in Zunge und Wange
  • Frontolaterale und/oder pro- und retrusive Schlifffacetten
  • Ausgeprägte Formstörungen im Sinne von Zahnfehlstellungen oder Kieferanomalien (Tiefbiss/Deckbiss, frontal oder seitlich offener Biss, frontaler oder seitlicher Kreuzbiss, einseitige oder beidseitige Distalokklusion)

Unsere Ausgangsfrage war: „Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen?“ Bezüglich der folgenden Posts über Befunderhebung und Therapie müssen wir diese Frage umformulieren: „Was müssen wir als Praktiker können?“ Hier meine Antwort darauf:

Die Klinische Form- und Funktionsanalyse ist ein schnelles und sicheres Verfahren, um Form- und Funktionsstörungen des Kraniomandibulären Systems zu identifizieren, die uns Hinweise auf vorliegende Belastungen durch Bruxismus geben. Ihre Ergebnisse im Sinne auffälliger Befunde genügen uns bereits, um therapeutische Maßnahmen zur Eliminierung bzw. Vermeidung dieser Belastungen auszulösen.

Im der nächsten Folge unserer Weblogserie (am 20. September) werde ich Ihnen in einem kleinen Exkurs meine Überlegungen zur Ätiologie, Befunderhebung und Behandlungsnotwendigkeit von Gelenkgeräuschen (vor allem Gelenkknacken) beschreiben.

Bis dahin alles Gute und herzliche Grüße

Ihr Erich Wühr