Archiv für Mai 2011

Die Bewegungsfunktionen der Kiefergelenke

Dienstag, 24. Mai 2011

Die Bewegungsfunktionen des Kausystems sind Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen sowie Sprechen. Diese Bewegungen werden durch die Kaumuskulatur und die mimische Muskulatur sowie die Mundboden-, Hals- und Nackenmuskulatur ausgeführt. Die neurale Steuerung dieser Muskeln geht aus von den motorischen Anteilen der Hirnnerven N. trigeminus (V), N. fazialis (VII), N. glossopharyngeus (IX), N. accesorius (XI) und N. hypoglossus (XII) sowie der zervikalen Spinalnerven. Die Kiefergelenke führen die Bewegungen des Unterkiefers (Mandibula) gegenüber dem Schädel , genauer gesagt: gegenüber den Schläfenbeinen (Ossa temporalia).

Bei diesen Bewegungen werden die Strukturen des Kiefergelenks belastet. Die Belastungen sind bei den einzelnen Funktionen sehr unterschiedlich.

Ruheschwebelage: Die so genannte Ruheschwebelage können wir als den Ausgangspunkt aller Unterkieferbewegungen betrachten, denn diese Ruhelage ist der „Normalzustand“ des Kausystems: Der Unterkiefer wird bei einem Muskeltonus mit minimalem Energieverbrauch so gehalten, dass die Unterkieferzahnreihe 2 bis 4 Millimeter von der Oberkieferzahnreihe entfernt ist. Die Kiefergelenke sind nicht belastet.

Kauen: Beim Kauen wird zunächst der Mund geöffnet, dann der Unterkiefer zur Kauseite hin verschoben, indem der Kondylus der Gegenseite nach vorne gleitet, und schließlich der Mund in Richtung der maximalen Verzahnung (Interkuspidation) geschlossen. Die Schließbewegung erfolgt entlang der Eckzahnführung, ohne dass dabei Zahnkontakt auftritt. Bei der Schließbewegung wird der Speisebolus zerkleinert: Je nach Konsistenz der Nahrung entfaltet die Schließmuskulatur eine Kraft von 1 bis 3 Kilo (1-3 kp = 10 bis 30 N). Diese Kraft ist auch in den Kiefergelenken experimentell gemessen worden. Der Oberkiefer wird von der Hals- und Nackenmuskulatur statisch dagegengehalten. Am Ende der Schließbewegung entsteht kein Zahnkontakt. Kurz davor (10m) wird der Mund wieder geöffnet. Ein neuer Kauzyklus beginnt. (Das Abbeißen erfolgt analog zum Kauen mit dem gleichen Kraftaufwand, allerdings ohne oder nur mit geringer Seitverschiebung.)

Schlucken: Das Schlucken ist eine Bewegungsfunktion der Zungen- und Mundbodenmuskulatur. Es erfolgt am Ende des Kauvorgangs, wenn der zerkleinerte Speisebolus geschluckt wird, oder alle 1 bis 2 Minuten, wenn wir Speichel schlucken. Am Ende des Schluckvorgangs, wenn Speise oder Speichel vom Zungenrücken in den Rachen hinabgleiten, stützt sich der Unterkiefer in maximaler Interkuspidation mit einer Kraft von nur 5 Pond am Oberkiefer ab.

Knirschen und Pressen: Bruxismus betrachte ich als eine normale Funktion des Kausystems. Er ist das Phänomen, dass bei der aggressiven Form des Stressverhaltens („Kämpfen“) auch die Kaumuskulatur aktiviert wird, was sich als Knirschen und Pressen mit den Zähnen äußert. Das Zähneknirschen ist eine zahngeführte Seitwärtsbewegung entlang der latero- und mediotrusiven Führungsflächen von Front- und Seitenzähnen, das Pressen eine zahngeführte Vor- und Rückbewegung des Unterkiefers entlang der pro- und retrusiven Führungsflächen von Front- und Seitenzähnen. Vor allem bei nächtlichem Bruxismus entstehen enorm hohe Kräfte: 200 bis 300 Kilo sind gemessen worden. Auch beim täglichen Knirschen und Pressen entstehen Kräfte, die weit über die Kräfte beim Kauen hinausgehen. Bei Bruxismus entstehen beträchtliche Belastungen für die Strukturen der Kiefergelenke.

Sprechen: Bei Sprechen wird die Unterkieferzahnreihe je nach auszusprechenden Lauten in unterschiedlichen Abständen zur Oberkieferzahnreihe (= Sprechabstand). Bei den entsprechenden minimalen Bewegungen treten in den Kiefergelenken nur sehr geringe Kräfte auf.

Atmen: Die Atmung ist keine Bewegungsfunktion des Kausystems. Der Unterkiefer befindet sich beim Atmen in der Ruheschwebelage. Aber bei einer regulären Nasenatmung muss die mimische Muskulatur den Lippenschluss gewährleisten und ebenso die Zunge den dorsalen Abschluss des Mundraums gegenüber dem Rachenraum.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine erste Antwort darauf:

Die Form der Strukturen der Kiefergelenke hängt zeitlebens von den Kräften ab, die während der verschiedenen Bewegungsfunktionen auf sie einwirken. Wir dürfen dabei von einer großen Anpassungsfähigkeit dieser Strukturen und von einer entsprechenden Variationsbreite unterschiedlicher Formen ausgehen. Aufgrund der enormen Kräfte beim Bruxismus können wir annehmen, dass Knirschen und Pressen die wichtigsten formbildenden Bewegungsfunktionen für die Strukturen des Kiefergelenks darstellen.

Im nächsten Beitrag (in zwei Wochen) werde ich die (normalen) anatomischen Strukturen der Kiefergelenke beschreiben.

Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr

Die Kiefergelenke – Was müssen wir als Praktiker wissen?

Montag, 23. Mai 2011

In der Kraniofazialen Orthopädie behandeln wir Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystems. Gelenkschmerzen innerhalb des Kausystems betreffen natürlich ein oder beide Kiefergelenke. Bei solchen Patienten müssen wir uns die Fragen stellen, wie es zu diesen Schmerzen gekommen ist, wie wir die Kiefergelenke untersuchen und wie wir die Kiefergelenke behandeln können. Viel ist über diese Fragen gesprochen und geschrieben worden. Aber welche dieser Informationen brauchen wir Praktiker wirklich, um diesen Patienten wirkungsvoll helfen zu können? In einer Serie von Weblog-Posts möchte ich diese Frage aus meiner Sicht beantworten.

Ich empfehle Ihnen, dass Sie zum besseren Verständnis der folgenden Texte die entsprechenden Abbildungen in Ihrem Anatomiebuch nachschlagen. Meiner Meinung nach die detaillierteste und profundeste Beschreibung der Anatomie und der Untersuchung der Kiefergelenke findet sich in Bumann A und Lotzmann U. Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien. Farbatlanten der Zahnmedizin, Bd. 12. Stuttgart: Thieme 2000

Ich hoffe, dass Ihnen meine Antworten nützlich sind. Scheuen Sie sich nicht, sie kritisch zu prüfen und zu kommentieren … Schon morgen geht es los mit dem ersten Beitrag. Behalten Sie dabei immer unsere Ausgangsfrage im Hinterkopf: Was müssen wir als Praktiker über die Kiefergelenke wissen?

Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr

Fortsetzung 4 von 4: Video-Vorträge zu Muskel- und Gelenkschmerzen

Dienstag, 03. Mai 2011

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vor vier Wochen habe ich begonnen Ihnen meine Vorträge anlässlich des 6. Netzwerkkongresses in München in 2007 hier in unserem Weblog zugänglich machen. Wir haben mit dem Interview von Medizin-tv und meiner Einführung begonnen und mit den den drei wichtigsten theoretischen Erkenntnissen und den praktischen Konsequenzen daraus, den drei wichtigsten Erkenntnissen bzw. Methoden der Befunderhebung sowie den
drei wichtigsten Erkenntnissen bzw. Methoden der Therapie fortgesetzt.

Heute nun der letzte Vortrag der Reihe: Die drei wichtigsten Erkenntnisse bzw. Methoden der Patientenführung
Hier klicken, um den Vortrag herunterzuladen …

Meine drei wichtigsten Erkenntnisse bzw. Methoden der Patientenführung sind:

1. Positive Therapiergebnisse können nur stabilisiert werden, wenn der Patient Eigenverantwortung und Eigeninitiative zeigt: Präventive und gesundheitsbildende Lebensführung

2. Rollenerweiterung: Der Arzt (Zahnarzt, Therapeut) wird vom Behandler zum Berater und Befähiger (Coach).

Ich freue mich über Ihr Interesse.
Herzliche Grüße

Erich Wühr