Archiv für Juni 2011

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Freitag, 24. Juni 2011

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in der Deutschen Zeitschrift für Osteopathie habe ich einen Artikel „Schmerzverursachende Belastungen des Kausystems“ veröffentlicht.
Hier können Sie den Artikel herunterladen: http://kraniofaziale-orthopaedie.de/download/110412_Schmerzursache_Kausystem_Thieme_Osteopathiezeitschrift.pdf
Viel Erfolg und herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Kräfte, die auf die Kiefergelenke wirken

Dienstag, 21. Juni 2011

Die funktionellen Kräfte, die auf die einzelnen Strukturen der Kiefergelenke wirken, habe ich bereits in meinem ersten Beitrag über die Bewegungsfunktionen beschrieben: Beim Kauen 1 bis 3 kp (Kilopond), beim Schlucken 5 p (Pond) und beim Knirschen und Pressen enorm hohe okklusale Kräfte von bis zu 300 Kilopond. Diese Kräfte müssen von den beteiligten Geweben reguliert, adaptiert und kompensiert werden, indem sie episodisch oder dauerhaft ihre Form anpassen.

Bevor wir uns damit beschäftigen, welche externen Kräfte auf die Strukturen der Kiefergelenke wirken, müssen wir uns noch eine wichtige Tatsache in Erinnerung rufen: Schädelknochen bleiben zeitlebens in den Suturen gegeneinander beweglich. Suturen verknöchern normalerweise nie. Wenn doch, dann liegt eine Pathologie vor. Suturen bleiben zeitlebens bindegewebige Gelenke (Syndesmosen bzw. Synchondrosen). Die Beweglichkeit in diesen Gelenken ist sehr gering. In der Summe der Beweglichkeit aller Schädelsuturen jedoch können sich auf Dauer Lageveränderungen im Gefüge der Schädelknochen ergeben, die im Bereich mehrerer Millimeter messbar sind. Also: Nicht nur der Unterkiefer ist beweglich, auch die Schläfenbeine (Ossa temporalia) sind in ihrer räumlichen Lage nicht stabil, sondern (in geringem Maße) beweglich.

Externe Kräfte, die auf die Strukturen der Kiefergelenke wirken, nenne ich diejenigen Kräfte, die mit ihren eigentlichen Bewegungsfunktionen nichts zu tun haben. Sie wirken sich auf die räumliche Lage des Unterkiefers und der beiden Schläfenbeine aus sowie auf die Lagebeziehung dieser drei Knochen zueinander:

Auf die Schläfenbeine wirken muskuläre Kräfte, ligamentäre und durale Kräfte.

Muskulär wird die räumliche Lage eines Schläfenbeins im Gefüge der Schädelknochen beeinflusst
• durch den M. sternocleidomastoideus, der hinter dem Ohr am Processus mastoideus ansetzt, und den M. masseter, der am Jochbein ansetzt. Wenn einer dieser beiden hyperton ist, wird das Schläfenbein nach innen bzw. außen rotiert.
• indirekt durch den M. temporalis. Dieser Muskel setzt nicht am Schläfenbein an, sondern am Scheitelbein (Os parietale). Bei Hypertonie dieses Muskels wird die Sutura parietosquamosa zwischen Scheitelbein und Schläfenbein belastet, und das Scheitelbein hat die Tendenz, sich unter das Schläfenbein zu schieben.

Ligamentär wird die räumliche Lage eines Schläfenbeins durch das Ligamentum stylomandibulare beeinflusst. Intrakraniell setzt die Dura als Tentorium cerebelli an der Pars petrosa des Schläfenbeins sowie an seiner Innenfläche an. Kräfte aus Duraverspannungen, zum Beispiel aus der Wirbelsäule (Bandscheiben!) oder von anderen Schädelknochen, können sich somit auf die Lage der Schläfenbeine auswirken.

Jede Lageveränderung der Schläfenbeine durch muskuläre Kräfte sowie durch ligamentär und dural übertragene Kräfte bedeutet auch eine Lageveränderung der Fossa glenoidalis und damit eine Irritation oder Belastung der Gewebe in den Kiefergelenken. Diese werden sich episodisch oder dauerhaft an diese Einflüsse anpassen.

Die räumliche Lage des Unterkiefers ist abhängig vom Tonus der ansetzenden Muskeln. Der Tonus der Kaumuskeln wird maßgeblich von der Okklusion bestimmt: Die Kräfte, die beim Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen an der Okklusalfläche der Zähne wirksam sind, werden von den Rezeptoren in den Zahnhalteapparaten und damit von den Afferenzen des Nervus trigeminus registriert. Efferent wird aufgrund dieses Inputs der Tonus der Kaumuskulatur gesteuert. Zahnfehlstellungen, Kieferanomalien und iatrogene Formveränderungen an den Kauflächen der Zähne führen zu Ungleichgewichten im Tonus der Kaumuskeln und damit zu Lageveränderungen des Unterkiefers.

Neben den Kaumuskeln beeinflussen die Spannungszustände der suprahyalen und in der Fortsetzung der infrahyalen Muskeln sowie der Muskeln des Rachenraums die räumliche Lage des Unterkiefers.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Die Gewebe der Kiefergelenke sind durch ihre Bewegungsfunktionen und ihre anatomische Vernetzung mit anderen Bewegungssystemen vielfältigen funktionellen bzw. externen Kräften ausgesetzt. Sie müssen diese Kräfte regulieren, adaptieren und kompensieren, indem sie episodisch oder dauerhaft ihre Form anpassen.

In meinem nächsten Beitrag werde ich beschreiben, mit welchen Form- und damit Funktionsveränderungen die Gewebe der Kiefergelenke auf funktionelle und externe Kräfte reagieren können.
Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr

Die anatomischen Strukturen der Kiefergelenke

Dienstag, 07. Juni 2011

Die Kiefergelenke ermöglichen die Bewegungen des Unterkiefers gegenüber den Schläfenbeinen (Ossa temporalia). Die Schläfenbeine bilden die Gelenkgruben (Fossae glenoidales), der Unterkiefer die Gelenkköpfe (Kondylen). Der Unterkiefer verbindet beide Gelenke zu einer funktionellen Einheit: Die beiden Kiefergelenke können nicht unabhängig voneinander funktionieren.

Es wir nach wie vor viel darüber diskutiert, welche Stellung die Kondylen in den Fossae bei maximaler Verzahnung (also beim Schlucken) einnehmen sollen. Diese Lagebeziehung wird zentrische Relation genannt. In einem späteren Beitrag werde ich meine Meinung dazu beschreiben.

Die Oberfläche der Gelenkgruben und die Oberfläche der Gelenkköpfe bestehen im Gegensatz zu den meisten anderen Gelenkflächen des Bewegungssystems nicht aus hyalinem Knorpel, sondern aus Faserknorpel. Dies ist Knorpelgewebe, das sehr stark mit kollagenen Fasern durchsetzt ist – ein Zeichen dafür, dass diese Strukturen hohen Zugspannungen und vor allem Kompressionsbelastungen ausgesetzt sind.

Faserknorpel finden wir im Körper nahezu überall, wo Ligamente oder Gelenkkapseln an Knochen ansetzen: Kollagenes Bindegewebe geht kontinuierlich in Faserknorpel und dann in Knochengewebe über. Auch die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern bestehen aus Faserknorpel.

Im Kiefergelenk sitzt zwischen der Fossa und dem Kondylus eine weitere Faserknorpelstruktur – der Discus articularis des Kiefergelenks. Sein Gewebe ist kollagenem Bindegewebe ähnlicher als normalem hyalinen Gelenkknorpel. Er teilt das Kiefergelenk in zwei funktionelle Gelenke: Zwischen Diskus und Fossa ist der obere Teil ein Gleitgelenk, zwischen Diskus und Kondylus ist der untere Teil ein Drehgelenk (Rotationsgelenk).

Der Diskus ist nicht, wie in vielen schematischen Abbildungen dargestellt, eine von anderen Strukturen isolierte, knorpelige „Kappe“ des Kondylus. Er ist vielmehr intensiv vernetzt mit den anderen Strukturen des Kiefergelenks: Nach ventral geht der Faserknorpel des Diskus über in die Sehne des Oberbauchs des M. pterygoideus lateralis, nach dorsal in die sogenannte bilaminäre Zone. Dies sind zwei Stränge (Laminae) aus kollagenem Bindegewebe. Die obere Lamina setzt dorsal an der gleichen Stelle des Os temporale an wie die Gelenkkapsel des Kiefergelenks, die untere Lamina zusammen mit der Gelenkkapsel am Kondylus. Medial und lateral ist der Diskus am Kondylus befestigt, und zwar an der gleichen Stelle wie die Gelenkkapsel.

Die Gelenkkapsel verbindet das Schläfenbein und den Kondylus und umgibt das Kiefergelenk zirkulär mit Ausnahme der Stelle, an der der obere Bauch des M. pterygoideus lateralis die Kapsel durchtritt. Lateral ist die Gelenkkapsel durch ein Ligamentum laterale verstärkt, medial durch das so genannte Tanaka-Ligament. Dieses Ligament wird manchmal auch als eigenständiges Ligament dargestellt, das innerhalb der Gelenkkapsel liegt und unabhängig von der Gelenkkapsel zum Schläfenbein zieht.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Alle beschriebenen bindegewebigen Übergänge und Anheftungen sind kontinuierlich und ohne genau bestimmbare Demarkation zwischen den einzeln benannten Strukturen. Somit bestehen die Kiefergelenke aus miteinander vernetzten und verbundenen Bindegewebsstrukturen, die eine funktionelle Einheit bilden: Funktionsbedingte oder traumatische Formveränderungen einer Struktur werden immer auch die Form und Funktion der vernetzten Strukturen beeinflussen.

Wichtig: In allen diesen bindegewebigen Strukturen der Kiefergelenke sind (wie überall im Bindegewebe) Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) lokalisiert. Bei übermäßigen Druck- und Zugbelastungen können die Bindegewebe mit Entzündungen reagieren und nozizeptive Schmerzempfindungen auslösen.

Im nächsten Beitrag werden wir über die muskulären Kräfte sprechen, die auf das Kiefergelenk und seine Strukturen wirken, und was dies Form und Funktion der Kiefergelenke bedeutet.
Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr