Archiv für Juli 2011

Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke

Dienstag, 05. Juli 2011

Funktionelle und externe Kräfte wirken auf die Gewebe der Kiefergelenke und müssen von diesen permanent reguliert, adaptiert und kompensiert werden. Bezüglich ihrer Dauer und ihrer Intensität unterscheiden wir in der Systemischen Medizin drei Arten von Kräften: Physiologische, irritierende und belastende Kräfte.

Physiologische Kräfte können von den Geweben störungsfrei reguliert werden. Sie sind sogar für die Ausbildung einer geordneten Form und Funktion notwendig.

Irritierende Kräfte treten episodisch und vorübergehend auf. Sie führen zu akuten Form- und Funktionsstörungen, von denen sich die Gewebe erholen bzw. regenerieren können.

Belastende Kräfte wirken dauernd ein und/oder sind von besonders hoher Intensität. Sie müssen adaptiert und kompensiert werden und führen zu chronischen Form- und Funktionsstörungen. Allerdings besitzen auch hier die Gewebe ein großes Regenerationspotenzial, wenn die belastenden Kräfte eliminiert werden.

Form- und Funktionsstörungen treten immer gemeinsam auf: Strukturelle Veränderungen der Bindegewebe in einem Kiefergelenk führen immer zu qualitativen und/oder quantitativen Störungen seiner Bewegungsfunktionen.

Formstörungen der Fossa glenoidalis sind Hypertrophie oder Degeneration des Faserknorpels, der die Fossa auskleidet, sowie Deformationen durch Knochenapposition oder -abbau. Dieselben Gewebeveränderungen sind am Kondylus möglich.

Formstörungen des Diskus sind Deformation, Perforation, Verknöcherung sowie Verlagerungen mit und ohne Reposition bei Bewegungen.

Formstörungen der bilaminären Zone sind Verletzung mit Einblutung, Fibrosierung und Überdehnung.

Formstörungen der Gelenkkapsel und der Ligamente sind Kontraktur, Verknöcherung, Ruptur und Überdehnung.

Alle diese Formstörungen bewirken qualitative Veränderungen der Bewegungen und Beweglichkeitseinschränkungen. Und alle diese Formstörungen können mit akuten und chronischen Entzündungen einhergehen, die zu nozizeptiven Kiefergelenkschmerzen führen.

Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke sind nicht von vorneherein behandlungswürdig: Behandlungsbedarf besteht nur,
• wenn ein Behandlungsbedürfnis des Patienten vorliegt, zum Beispiel bei Einschränkung der Beweglichkeit oder störendem Kiefergelenkknacken,
• bei rezidivierender Kieferklemme oder Kiefersperre bei rezidivierenden Gelenkergüssen oder Luxationen,
• umfangreiche restaurative und/oder prothetische Sanierungen anstehen und/oder
• Gelenkschmerzen bestehen.

Bei Bewegungseinschränkungen müssen wir Traumata und Tumoren differenzialdiagnostisch ausschließen.

Bei Kiefergelenkschmerzen müssen wir differenzialdiagnostisch ausschließen:
• neuropatisch übertragenen Triggerpunktschmerz aus dem M. pterygoideus lateralis und medialis sowie aus dem M. masseter
• rheumatische Schmerzen,
• Traumata und Tumoren.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Die regulative, regenerative, adaptative und kompensatorische Kapazität der Bindegewebe der Kiefergelenke ist groß: Auch bei ausgeprägten Gewebeveränderungen können die Gelenke hinreichend und symptomfrei funktionieren. Das bedeutet, dass nicht jede strukturelle und funktionelle Störung in den Kiefergelenken behandelt werden muss. Wenn wir uns aufgrund eines Patientenanliegens, rezidivierender Kieferklemme oder Kiefersperre, vor umfangreichen restaurativen und/oder prothetischen Sanierungen oder bei Muskel- und Gelenkschmerzen dazu entschließen, Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke zu behandeln, dann müssen wir zuallererst belastende funktionelle und belastende externe Kräfte identifizieren und eliminieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, vielerorts haben die Sommerferien schon begonnen. Auch meine Weblogserie über das Kiefergelenk macht jetzt Sommerpause. Ich werde mich mit dem nächsten Artikel am 06. September bei Ihnen zurückmelden. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen schönen Sommer. Erholen Sie sich gut in den Ferien.
Herzlichst
Ihr Erich Wühr