Archiv für Februar 2012

Bruxismus

Mittwoch, 22. Februar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Bruxismus ist das Phänomen, dass bei der aggressiven, kämpferischen Form der Stress-Reaktion auch die Kaumuskulatur aktiviert wird, was zu Knirschen und Pressen mit den Zähnen führt. Dies geschieht mit extrem hohen Kräften: 200 bis 300 Kilopond sind beim nächtlichen Zähneknirschen gemessen worden. Tagsüber werden diese hohen Kräfte zwar nicht erreicht, jedoch wird auch bei täglichem Stress die Kaumuskulatur stärker aktiviert als bei den anderen Funktionen des Kausystems.

So hohe Kräfte und Belastungen wie beim nächtlichen Bruxismus kommen im Leben eines Menschen normalerweise nicht vor. Selbst bei Unfällen werden diese Kräfte selten erreicht. Und dann auch nur episodisch. Mit den Zähnen geknirscht wird jedoch jede Nacht und auch tagsüber, denn Stress ist eine normale Regulationsfunktion des Körpers: Tagsüber stellt sie dem Körper genügend Energie für seine verschiedenen Aktivitäten bereit. Nachts werden die täglichen Erlebnisse im Sinne von Psychohygiene verarbeitet, vor allem in den Traumphasen. Und dabei wird wieder die Kaumuskulatur aktiviert. Ich rechne deshalb Bruxismus zu den normalen Funktionen des Kausystems: Das Kausystem ist für mich vielmehr ein Stress-Organ und ein Organ der Stressorenverarbeitung als ein Kauorgan.

Es ist vor allem ein bestimmter Menschen- bzw. Persönlichkeitstyp betroffen: „Knirscher“ und „Presser“ sind in der Regel engagierte Menschen; Menschen die sich durchbeißen durch’s Leben, Macher, Manager, Perfektionisten, manchmal mit Hang zur Pedanterie. Sie sind zuverlässig; sie wollen alles richtig und es jedem recht machen. Wegen der hohen Kräfte, die sie bei Knirschen und Pressen ausüben, überlasten sie ihre Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems. Vor allem dann, wenn Okklusionsstörungen vorliegen. Dann entstehen myofasziale Schmerzen besonders leicht.

Wir können zentrischen und exzentrischen Bruxismus unterscheiden:

Beim zentrischen Bruxismus (Pressen) presst der betroffene Mensch sein Zähne in der habituellen Okklusion aufeinander. Es entstehen keine Abrasionen von Zahnhartsubstanz. Die Kiefergelenke sind dabei nicht belastet, weil der Unterkiefer durch die Zähne hart abgestützt ist. Die beiden Ossa temporalia sind durch die Galea aponeurotica straff miteinander verbunden, so dass sich die Kräfte des linken und rechten M. masseter in ihrer Wirkung auf die räumliche Lage der Ossa temporalia und damit der Fossae der Kiefergelenke gegenseitig aufheben.

Beim exzentrischen Bruxismus bewegt bzw. reibt der betroffene Mensch seine Zähne auf pro- und retrusiven Flächen bzw. auf latero- und mediotrusiven Flächen aneinander. Dies kann geräuschvoll oder lautlos erfolgen. Die Gewebe der Kiefergelenke werden belastet, wenn auch nicht mit den gleichen hohen Kräften, wie die Zähne. Auf Dauer jedoch wird es zu Formveränderungen dieser Gewebe (zum Beispiel des Diskus) kommen. Zunge und Wangen schieben sich wie Polster zwischen Ober- und Unterkieferzähne um die Kräfte zu dämpfen. Es entstehen Zahneindrücke in diesen Weichteilen. Mit der Zeit bilden sich durch Abrasionen von Zahnhartsubstanz Schlifffacetten aus.

In jedem Fall wird beim Bruxismus die Muskulatur stark belastet. Nicht nur die Kaumuskulatur, sondern auch die antagonistischen hyoidalen Muskeln und die komplementären Nackenmuskeln werden beansprucht: Pathohistochemisch kommt es auf Dauer zu Prozesstörungen auf zellbiologischer Ebene im Bindegewebe der betroffenen Muskeln: Azidose, Mikrozirkulationsstörungen, Sauerstoff- und ATP-Mangel, Mikrokontrakturen und schließlich nozizeptiver Schmerz.

Zur Vermeidung hoher Kräfte beim nächtlichen Bruxismus eignet sich besonders die so genannte Jig-Schiene. Sie wirkt durch Auslösung eines Reflexes: Sobald der N. trigeminus spürt, dass nur die unteren Frontzähne auf dem Jig Kontakt haben, schaltet er reflektorisch die Kraftentfaltung in der Kaumuskulatur herunter auf 1 bis 3 Kilo. Diese Wirkung eines Jigs ist in mehreren elektromyografischen Studien bestätigt worden.

Im nächsten Weblog-Post werde ich beschreiben, wie sich Okklusionsstörungen negativ auf die Gleichgewichtsregulation und damit auf die Körperhaltung  auswirken können.

Herzliche Grüße und viel Erfolg
Ihr Erich Wühr

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Kraniofaziale Orthopädie auf Youtube!

Montag, 06. Februar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

für meine Videos zur Kraniofazialen Orthopädie habe ich jetzt auch einen Youtube-Kanal eingerichtet: http://www.youtube.com/user/ewuehr?feature=watch

Auch für meine eigene Fortbildung ist Youtube in den letzten Monaten ein wichtiges Leitmedium geworden. Es ist verblüffend, wieviele nützliche Informationen aus diesem Medium herauszuholen sind: über Medizin und Zahnmedizin, Psychologie und Philosophie, Naturwissenschaften … einfach einen Suchbegriff eingeben und los geht’s … und alles kostenlos zugänglich!

Viel Erfolg und alles Gute
Erich Wühr

 

Okklusionsstörungen

Mittwoch, 01. Februar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Okklusionsstörungen sind Formstörungen der Kau- und Führungsflächen von Zähnen. Sie entstehen aufgrund von

  • Zahnfehlstellungen
  • Dysgnathien
  • Zahnformanomalien
  • Zahnzahlanomalien
  • iatrogen durch restaurative und/oder prothetische Maßnahmen
  • iatrogen durch kieferorthopädische Maßnahmen
  • iatrogen durch chirurgische Maßnahmen

Als Formstörungen belasten Okklusionsstörungen unmittelbar die Funktionen des Kraniomandibulären Systems. Diese Funktionen sind Kauen, Schlucken, Sprechen, Atmen sowie Knirschen und Pressen. Bei den Funktionen Kauen, Schlucken, Sprechen und Atmen wirken so geringe Muskelkräfte, dass die entsprechenden funktionellen Belastungen innerhalb und außerhalb des Kausystems in der Regel leicht adaptiert bzw. kompensiert werden können und nicht zu Symptomen führen. Beim Knirschen und Pressen (vor allem nächtlichem Bruxismus) entstehen allerdings so hohe Kräfte, dass die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden können.

Okklusionsstörungen sind also nicht unbedingt und von vornherein behandlungswürdig. Erst wenn hohe Muskelkräfte beim Knirschen und Pressen einwirken, können die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden. Dies ist in der Praxis der wichtigste und häufigste pathogenetische Weg, wie Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystem führen können. Darüber hinaus gibt es aber noch zwei weitere Wege:

  • Okklusionsstörungen können die Gleichgewichtsregulation und damit die Körperhaltung negativ beeinflussen.
  • Zwanghafte Patienten können vigilant werden. Das heißt: Sie fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf die Okklusion und aktivieren permanent ihre Kaumuskulatur, um ihre Zahnkontakte zu überprüfen. Sie verlernen, die Ruhelage des Unterkiefers einzunehmen. Sie verlernen, dass „der richtige Biss KEIN Biss ist“.

In den nächsten drei Weblog-Posts werde ich diese drei Möglichkeiten beschreiben, wie aus meiner Sicht Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen führen können:

  • Bruxismus
  • Propriozeptiver Input für die Gleichgewichtsregulation
  • Zwanghafte okklusale Vigilanz

Herzliche Grüße und alles Gute
Ihr Erich Wühr

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