“Der richtige Biss ist KEIN Biss!”

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

“Der richtige Biss ist KEIN Biss!” Die normale Lage des Unterkiefers ist die Ruhelage. Ober- und Unterkieferzähne berühren sich die meiste Zeit nicht, sondern werden fast den ganzen Tag und die ganze Nacht in einem Abstand von 2 bis 4 mm gehalten. Insofern ist der Begriff “habituelle Okklusion” irreführend, weil gewohnheitsmäßig (habituell) eben keine Zahnkontakte zustande kommen.

Allerdings am Ende des Schluckvorgangs, etwa jede Minute, stützt sich der Unterkiefer kurz, aber mit sehr geringer Kraft (5 Pond) am Oberkiefer ab. Dabei okkludieren die Zähne in der maximal möglichen Interkuspidation. Das Schlucken ist neben dem Pressen (siehe unten) die einzige Funktion des kraniomandibulären Systems bei dem die maximale Interkuspidation eingenommen wird. Meine Hypothese ist, dass diese eindeutige Okklusionsposition beim Schlucken über die Propriozeption der Parodontien und die trigeminozerebellaren Projektionen an das Kleinhirn gemeldet wird und zur Gleichgewichtsregulation beiträgt: Ähnlich einem Industrieroboter, der regelmäßig seine Nullposition einnehmen muss, um Fehler zu vermeiden, könnte es sein, dass das Kleinhirn in seiner Steuerung beim Schlucken durch die Einnahme der eindeutigen und hart abgestützten maximalen Interkuspidation kalibriert wird. Diese Zusammenhänge würden auch erklären, warum Menschen die Zähne zusammenbeissen, wenn sie größere Kräfte entfalten wollen, zum Beispiel beim Heben schwerer Gegenstände. Mit zusammengebissenen Zähnen ist es leichter, das Gleichgewicht zu halten.

Beim Kauen haben die Zähne keinen Kontakt: Kurz (10 Mikrometer) bevor es zum Zahnkontakt kommt, öffnen sich die Kiefer wieder. Dazu ist Kauen neurophysiologisch extrem präzise gesteuert. Eine Analogie mag dies verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, ein Formel-1-Rennwagen würde auf einer Strecke von 300 Metern auf 300 Stundenkilometer beschleunigt und rast auf eine Wand zu. Nur 3 Zentimeter vor der Wand leitet der Fahrer den Bremsvorgang ein, um 3 Millimeter vor der Wand stehen zu bleiben und dann sofort wieder rückwärts auf 300 Stundenkilometer zu beschleunigen. Technisch ist so etwas natürlich unmöglich, aber die neurophysiologische Steuerung des Kauvorgangs erreicht diese Präzision. Je nach Konsistenz der Nahrung werden beim Kauen 1 bis 3 Kilopond Kraft in das Schädelgefüge eingeleitet.

Knirschen und Pressen (besser: exzentrischer und zentrischer Bruxismus) ist das Phänomen, dass im Zuge der aggressiven Stressreaktion (“Kämpfen”) auch die Kaumuskulatur aktiviert wird. Das Kausystem dient hierbei der Stressorenverarbeitung (nicht: Stressverarbeitung!). Vor allem beim nächtlichen Bruxismus werden dabei enorme Kräfte freigesetzt: 200 bis 300 Kilopond sind gemessen worden. In erster Linie sind es diese Kräfte, die Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems überlasten können, besonders dann, wenn im betreffenden Gebiss Okklusionsstörungen vorliegen.

Mit Okklusionsstörungen wird sich mein nächster Weblog-Post beschäftigen.

Bis dahin alles Gute und viel Erfolg
Ihr Erich Wühr

Über Ihre Kommentare zu diesem Post freue ich mich!

 

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7 Antworten zu ““Der richtige Biss ist KEIN Biss!””

  1. Vielen Dank
    für diese ungemein nutzvollen Erklärungen der Zusammenhänge
    im gnatologischen System. Ich setze sehr viel davon in der
    Praxis um. Auch die Konversation mit niedergelassenen
    Zahnärzten ist dadurch viel korrekter und verständlicher, da
    diese meist sehr wenig darüber wissen.

    Mit freundlichem und dankbarem Gruß
    Herbert Flach
    Physiotherapeut

  2. Lieber Erich,
    das Beispiel zum Absatz “Beim Kauen…” ist phantastisch.

    Gerhard

  3. Extrem guter Vergleich der Kaupräzission mit dem Formel-Wagen. Bildhafte Vergleiche des Knirschens bleiben dem geneigten Leser selbst überlassen…
    Mfg,
    Frank Schleenbecker

  4. Dr. Konstantin Sander sagt:

    “‘Beim Schlucken muss sogar der Unterkiefer in der sog. habituellen Okklusion gehen zur Fixierung in einer maximal kranialen Position so dass die Muskulatur des Mundbodens sich zusammen kann; Kehlkopf und Zungenbein heben sich um circa 2 cm, was gut getastet und – zumindest beim Mann – auch gut gesehen werden kann. Diese sog. „Larynxelevation“ wird durch die Musculi mylohyoideus, digastricus und stylohyoideus (diese heben das Zungenbein) sowie den Musculus thyrohyoideus (dieser den Larynx) unterstützt.
    Mit dem Höhertreten des Kehlkopfs geschehen zwei Dinge gleichzeitig:
    Kehldeckel und Kehlkopfeingang nähern sich – und damit sind die unteren Luftwege jetzt 3-fach geschützt
    der obere Schließmuskel der Speiseröhre (der obere Ösophagussphinkter oder Ösophagusmund) öffnet sich. Damit steht dem Nahrungsbolus der Weg für den weiteren Transport frei.
    Durch Kontraktion der mittleren und unteren Schlundschnürer (Musculi constrictores pharyngis medius et inferior) oberhalb des Bissens wird dieser Richtung Speiseröhre befördert und in diese eingespritzt.
    Ohne Fixierung des Unterkiefers in der sog Habituellen, ist ein Schlucken fast unmoeglich. “‘ Wikipedia – Schluckakt.

  5. alliston sagt:

    Sehr verehrter Herr Dr.Wühr,
    wieder mal herzlichen Dank für Ihren wunderbaren Beitrag. Das Rennfahrerbeispiel kann die Genialität des Körpers nicht besser beschreiben.
    Was, glauben Sie, geschieht mit der Kalibrierung des Kleinhirns, wenn ich dem Patienten a) eine Jig-Schiene eingliedere, die er ja jederzeit entfernen kann? Wie geht der Körper mit diesen zwei Informationen um? Einerseits das altbekannte Funktionsmuster und andererseits die Disklusion?
    b) Wäre es bei Ihrer Hypothese therapeutisch von Nutzen, das Kleinhirn zu “überlisten”, indem man während der Manualtherapie/Osteopathie eine fest integrierte JIG-Schiene eingliedert? Zum Beispiel im Sinne einer NANCE-App.? (Die NANCE gäbe der Eigenbewegung der Maxilla m.E. sogar mehr Freiheiten, als eine starre Schiene).
    Wie erkenne ich bzw. der Osteopath(wenn ich den Gedanken weiter verfolge), wann die Apparatur entfernt werden sollte und wie wird das Kleinhirn “reagieren”?
    Was meinen Sie, wenn Sie sagen Stressorenverarbeitung, nicht Streßverarbeitung? Was ist der Unterschied?
    Lieben Gruß K.Alliston

  6. Dr. Erich Wühr sagt:

    Sehr verehrte Frau Kollegin Alliston,
    vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Die angesprochene Kallibrierung des Kleinhirns in Bezug auf die Gleichgewichtsregulation erfolgt meiner Meinung nach nur durch die maximale Interkuspidation. Die Jig-Schiene simuliert eigentlich ein Abbeißen, wobei der N. trigeminus reflektorisch dazu veranlasst wird, die Kraftentfaltung der Kaumuskulatur auf 1 bis 3 Kilopond beschränken. Die Jig-Schiene entspannt, und die diskludierte Situation ist bestimmt nicht geeignet, die Gleichgewichtsregulation positiv zu beeinflussen. Deshalb lassen wir die Jig-Schiene ja auch nur nachts tragen. Leistungssportler haben mir berichtet, dass sie die Jig-Schiene in der Hoffnung auf eine leistungssteigernde Wirkung auch beim Sport getragen haben. Erwartungsgemäß war ihre Leistungsfähigkeit dabei stark reduziert …
    In der Kieferorthopädie benutze ich manchmal einen Jig, wenn ich auch während der kieferorthopädischen Behandlung seine positive schmerzlindernde Wirkung auf den Nacken usw. haben will. Diesen Jig klebe ich mit Adhäsivtechnik an die Palatinalflächen der oberen mittleren Schneidezähne. (Ich kann mir gut vorstellen, den Jig auch an einer Nance-Apparatur zu ergänzen.) Ich bin mir bewusst, dass dabei für längere Zeit die kalibrierende Wirkung der maximalen Interkuspidation eliminiere. Sobald die Seitenzähne wieder in Kontakt zueinander stehen, entferne ich den Jig.
    Zum Begriff Stressorenverarbeitung: Meiner Meinung nach knirschen Menschen nicht wegen Stress, sondern als Teil der Stressreaktion. Neben den bekannten hormonellen, vegetativen, metabolischen und immunologischen Reaktionen wird im (aggressiven) Stress eben auch die Kaumuskulatur aktiviert, was sich in Knrischen und Pressen mit den Zähnen äußert. Also: Nicht Stress wird verarbeitet, sondern äußere Lebensbedingungen (Stressoren) werden durch Stress verarbeitet – und Teil dieser Stressorenverarbeitung ist Knirschen und Pressen.
    Herzliche Grüße und alles Gute
    Ihr Erich Wühr

  7. [...] wird der Unterkiefer in der Ruhelage gehalten, und die Zähne haben keinen Kontakt zueinander. Im ersten Post unserer Serie habe ich diese Zusammenhänge ausführlich [...]

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