Propriozeptiver Input für die Gleichgewichtsregulation

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

von den drei pathogenetischen Wegen, wie sich okklusale Formstörungen belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems auswirken können, habe ich im letzten Weblog-Post den Bruxismus beschrieben. Heute geht es um die Bedeutung der Okklusion für die Gleichgewichtsregulation.

Obwohl die hohen Kräfte beim Bruxismus meiner Meinung nach die wichtigste Rolle spielen, dürfen wir auch die Bedeutung okklusal bedingter Afferenzen für die Gleichgewichtsregulation nicht außer Acht lassen.

Die Gleichgewichtsregulation ist eine Funktion des Kleinhirns (Zerebellum). Ziel ist, das Gleichgewicht des Körpers im Schwerkraftfeld der Erde permanent zu halten. Das Ergebnis der Gleichgewichtsregulation ist also die Körperhaltung.

Dabei funktioniert das Kleinhirn wie Computer: Es bekommt Input (Afferenzen) aus dem Auge (Netzhaut), dem Innenohr (Bogengänge und Schnecke), den Propriozeptoren der Kopfgelenkmuskeln (Tractus cuneocerebellaris), den Propriozeptoren der Muskeln, Ligamente und Gelenkkapseln der gesamten Stützmuskulatur (vor allem der Fußgewölbemuskeln) und aus den Rezeptoren des Kausystems. Letztere melden okklusale Kontakte über trigeminozerebellare Projektionen an das Kleinhirn. Auch propriozeptiver Input aus den Kaumuskeln und aus den Kiefergelenken wird über diese Projektion an das Kleinhirn gemeldet. Das Kleinhirn verrechnet nun all diese Inputs und steuert entsprechend die Stützmuskulatur, wobei diese Steuerungsimpulse auch in alle bewusst und unterbewusst intendierten Bewegungsimpulse des Endhirn eingehen.

Warum geht propriozeptiver Input aus dem Kausystem in die Gleichgewichtregulation ein? Ich habe zwei Vermutungen:

Meine erste Hypothese ist, dass phylogenetisch betrachtet das Kausystem auch Kampf- und Beutefassorgan war. Und diese Funktionen brauchen eine enge Abstimmung mit den anderen Bewegungssystemen, die durch die Verbindungen zum Kleinhirn gewährleistet ist.

Meine zweite Hypothese ist, dass die maximale Interkuspidation beim Schlucken der Gleichgewichtsregulation regelmäßig eine eindeutige kalibrierende Nullposition bietet: Ähnlich einem Industrieroboter, der regelmäßig seine Nullposition einnehmen muss, um eine Anhäufung von Fehlern zu vermeiden, könnte es sein, dass auch das Kleinhirn in der Regulierung des Gleichgewichts eine solche Nullposition braucht. Diese Zusammenhänge würden auch erklären, warum Menschen die Zähne zusammenbeissen, wenn sie größere Kräfte entfalten wollen, zum Beispiel beim Heben schwerer Gegenstände. Mit zusammengebissenen Zähnen ist es leichter, das Gleichgewicht zu halten.

Nach den hohen Kräften beim Knirschen ist dies also der zweite pathogenetische Weg, wie okklusale Formstörungen Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems belasten und zu myofaszialen Schmerzen führen können: Okklusale Formstörungen können zu Körperfehlhaltungen führen bzw. dazu beitragen und entsprechende Muskel- und Gelenkbelastungen auslösen.

Im nächsten Weblog-Post beschreibe ich den dritten pathogenetischen Weg: Die Zwanghafte okklusale Vigilanz.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Über Ihre Kommentare freue ich mich!

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6 Antworten zu “Propriozeptiver Input für die Gleichgewichtsregulation”

  1. Marc Töpert sagt:

    Ich glaube, dass beim Heben schwerer Gewichte für den Körper wichtig ist, sich nicht zu verletzen und somit eine maximale Verblockung der Muskelblöcke untereinander stattfindet. Dies wird dann wieder über das Kleinhirn gesteuert. Desweiteren kann der einzelne Muskel höhrere Kräfte halten, wenn er gegen einen Block abgestützt wird.
    Dies sind aber eher physikalische Betrachtungsweisen und keine entwicklungsgeschichtlichen.

  2. Dr. Butros, Rhena sagt:

    Superinteressant!
    vielen Dank für die Infos
    Rhena

  3. alliston sagt:

    Guten Abend,
    ich bin so froh über Ihre Gedanken zu diesem unendlich schwierigen Thema. Sie ergeben für mich derzeit den größten Sinn in meiner täglichen Arbeit.
    Was genau meinen Sie im letzten Abschnitt mit “okklusale Formstörungen”können zu…?
    Eine zahnärztlich manifestierte (in Form von Prothesen, Brücken, Kronen) bzw.kieferorthopädisch vorübergehend initiierte Formstörung verstehe ich. Welche meinen Sie darüberhinaus? Meine Vermutung und Beobachtung als Kieferorthopädin ist, daß sich die okklusale Formstörung (leider oft unerkannt) bereits mit der Aufrichtung des Kindes in die Vertikale entwickelt. Blockaden im occipito-atlanto-axial-Gelenk (Sectio, Zangengeburt, Beckenendlage etc) werden meines Erachtens mit der Aufrichtung des Kindes vom Krabbeln in die Vertikale über die Stützmuskulatur durch die Kalibrierung im Kleinhirn auf die Kaumuskulatur `zurückgeworfen`. Dort verursachen sie dann indirekt sehr früh okklusale Formstörungen im Sinne von Kreuzbiß, Progenie, Prognathien etc. Ich sehe praktisch immer Rundrücken bei KL III-Fällen, Lordosen der Lendenwirbelsäule bei KL II-Fällen mit anteriorem Atlas-Shift und Skoliosen/Beckenschiefstände/HWS-Läsionen bei Deflexionen der Mandibula. Bei älteren Kindern und Jugendlichen und erst recht bei Erwachsenen fallen z.B.Attritionen an den Schneidezähnen der Nicht-Kreuzbißseite auf. So als wollte der Körper sich nächtens zur anderen Seite hin austarieren. Meine Bemühungen, die Kids ohne kieferorthopädische Geräte oder Schienen ausschließlich osteopathisch, chiropraktisch etc. behandeln zu lassen waren nicht sehr erfolgreich. Vielleicht hatte ich aber nur nicht genug Geduld.
    Nicht selten `rutscht`eine Zahn-/Kieferfehlstellung in eine ganz neue Kompensation und ich staune über die Intelligenz des Körpers, wenn er zwar den Kreuzbiß nicht wieder aufleben ließ, dafür aber 3 Jahre nach abgeschlossener Kieferorthopädie und Osteopathie u.u.u. eine Distalokklusion und einen üppigen frontalen Engstand als Ausgleich erschuf, weil sich beispielsweise die maxilläre Kompression osteopathisch nicht vollständig auflösen ließ.
    Mir fehlen noch sehr viele Bausteinchen in dem gigantischen Puzzle und freue mich über Ihre Antwort und auf Beiträge von Körpertherapeuten, die diese Zeilen lesen.
    Es grüßt Sie hochachtungsvoll Kornelia Alliston

  4. Maximale Interkuspitation beim Schlucken ist nur bei einem Idealgebiß wünschenswert und sinnvoll. Bei den meisten Menschen (gesunden), besteht eine zentrische Differenz. In der Ruheschwebe eine physiologische Zentrik, die sich deutlich von der habituellen Bisslage unterscheiden kann. Es ist grob falsch physiologisch richtiges Schlucken im Zusammenhang mit einer maximalen Interkuspidation zu beschreiben. Man würde damit CMD-Probleme erzeugen. Richtiger ist, minimaler Zahnkontakt beim Schlucken. Solange das neuronale Kompensationssystem intakt ist und die Muskulatur entspannt ist, spielt die Okklusion eine untergeordnete Rolle.
    Gruß Norbert Vogel Relaktor-Dentaltechnik

  5. Sehr geehrter Dr. Wühr
    Ihr Denkgebäude fust auf überholten Annahmen. (Master-These)
    Aus systemischer Sicht ist genetisch determiniertes Wachstum kein ätiologischer Faktor, sondern eine vorgegebene und unveränderliche Rahmenbedingung. Dies ist im Einklang mit den Aussagen von Moss wie er sie 1968 vormuliert hat (funktionelle Matrix). Ursprünglich unterstützt dieses Konzept die genome Theorie genetischer Steuerung von Wachstum und Entwicklung.
    1997 hat Melvin L. Moss die Funktionelle Matrix evaluiert.

    Epigenetische Prozesse und Ereignisse, sind der nächstliegende Anlass, und als solche die primären Faktoren für die skelettale Entwicklung. Dabei hat die Muskulatur als dynamischer Gestaltungsfaktor die größte Bedeutung.

    Das ist unbestitten und anerkannt und es wäre gut ihre Überlegungen damit abzugleichen.
    Fazit:
    Funktionelle Störungen sind primär ein neuronal, muskuläres Problem, erst dann kommen die mechanischen Komponenten. Die Zahnmedizin geht von falschen Wertigkeiten aus, das wird niemals zu befriedigenden Ergebnissen führen.

  6. Es muss natürlich, fußt auf überholten Annahmen heißen.

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