Mit ‘Bruxismus’ getaggte Artikel

Aktueller Stand der Jig-Schienen-Behandlung

Freitag, 05. Januar 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich wünsche Ihnen Alles Gute und viel Erfolg für das Neue Jahr.

Es ist an der Zeit, ein Statement zum aktuellen Stand der Jig-Schienen-Behandlung abzugeben: Zum Einen kursieren die merkwürdigsten Falschmeldungen zur therapeutischen Wirkung der Jig-Schiene, zum Anderen haben sich aus meinen Erfahrungen der letzten Jahre einige Modifikationen ergeben.

Immer wieder höre ich: „Die Jig-Schiene darf nur für kurze Zeit getragen werden.“ Dies ist unter einer Bedingung falsch: Wenn ein Patient die Jig-Schiene morgens herausnimmt und seine Zähne sofort oder nach kurzer Zeit wie gewohnt aufeinanderpassen, dann haben die Zähne ihre Positionen nicht verlassen. Die Jig-Schiene kann unter dieser Bedingung ein Leben lang getragen werden. Und das sollte sie auch: Denn nächtlicher Bruxismus ist eine normale Funktion des Kausystems. Allerdings habe ich immer darauf hingewiesen, dass nicht die Jig-Schiene die grundlegende Therapie ist, sondern der angemessene Umgang mit Stress. Wenn es dem Patienten durch ein wirkungsvolles Stress-Management gelingt, stressarm oder sogar stressfrei einzuschlafen, dann wird er wahrscheinlich nicht im Schlaf Knirschen oder Pressen oder zumindest nicht so stark. Bitte gliedern Sie nie eine Jig-Schiene ein, ohne dass Sie den Patienten auf diesen Zusammenhang zumindest hinweisen oder sogar die damit verbundene Eigenverantwortung von ihm fordern.

Des Weiteren höre ich: „Die therapeutische Wirkung eines Jigs ist wissenschaftlich nicht erwiesen.“ Abgesehen davon, dass die Wirksamkeit einer Behandlung nicht davon abhängig ist, ob sie wissenschaftlich erforscht ist oder nicht, gibt es genügend Studien, die die Wirkung und die Wirksamkeit der Jig-Schiene zumindest nahelegen und meiner Meinung nach sogar belegen. Machen Sie sich die Mühe, selbst zu recherchieren …

Bezüglich der Modifikationen habe ich einen kurzen Videofilm „Herstellung einer Jig-Schiene“ in meinen YouTube-Kanal hochgeladen.

Beste Grüße
Ihr Erich Wühr

Die Behandlung von Augenmuskelfehlfunktionen

Mittwoch, 09. Januar 2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unter den Optometristen herrscht Uneinigkeit: Die Einen bestreiten, dass es möglich ist, durch Übungen Winkelfehlsichtigkeiten zu verbessern. Sie halten Sehhilfen und chirurgische Interventionen für die einzigen Möglichkeiten. Die Anderen versuchen, die Winkelfehlsichtigkeit vordergründig durch Behandlungen und Visualtraining zu verbessern. Ich schließe mich der zweiten Gruppe an: Augenmuskeln sind Skelettmuskeln. Sie sind deshalb durch die gleichen Belastungen betroffen wie andere Skelettmuskeln; sie zeigen die gleichen pathohistochemischen Prozesse und sind mit den gleichen Methoden therapierbar.

Wie immer in der Systemischen Medizin müssen wir zunächst belastende Lebensbedingungen identifizieren und eliminieren: mechanische, chemische, psychische und physiologisch-physikalische Belastungen kommen in Frage. Im Vordergrund stehen dabei erfahrungsgemäß psycho-emotionale Belastungen und die hohen mechanischen Kräfte beim Bruxismus.

Die Eliminierung der hohen Kräfte beim nächtlichen Zähneknirschen geschieht natürlich mit einer Jig-Schiene. Das damit immer verbundene Stresstraining sorgt für psycho-emotionale Entlastung. Auch kieferorthopädische Behandlungen wirken sich durch Verbesserung von Form und Funktion des Kausystem entlastend auf die Augenmuskelfunktionen aus. Ich erinnere Sie an das Fallbeispiel „Distalokklusion und AdvanSync“ im letzten Post vor Weihnachten.

Zur Extension von Mikrokontrakturen (chronische Entzündungen) in den Augenmuskeln setzen wir physiotherapeutische Verfahren ein. Unser Mittel der Wahl ist dabei die Matrix-Rhythmus-Therapie. Auch mit Akupunktur können wir die Form und Funktion der Augenmuskeln verbessern.

Natürlich sind die Augenmuskeln Teil des Fasziensystems: Sie stehen in enger funktioneller und struktureller Verbindung mit der duralen Faszienschicht, weil die Augenhöhle durch wichtige Knochen des Schädelgefüges gebildet wird. Ebenso gibt es enge funktionelle Beziehungen zum muskuloskelettalen Teil des Fasziensystems, vor allem zur Halswirbelsäule: Die Bewegungen des Kopfes durch die Hals- und Nackenmuskeln sind funktionell eng mit dem Sehen verbunden. Dies gilt vor allem in Bezug auf den Musculus sternocleidomastoideus. So finden wir nach Schleudertraumata häufig auch Fehlfunktionen der Augenmuskeln. Aus allen diesen Gründen sind osteopathische Behandlungen bei Winkelfehlsichtigkeiten sehr sinnvoll und erfolgversprechend.

Schließlich weise ich nochmal darauf hin, dass ich das Visualtraining bezüglich seiner Wirksamkeit bei Winkelfehlsichtigkeiten sehr hoch einschätze. Allerdings ist es erst dann sinnvoll, wenn individuell vorliegende Belastungen identifiziert und eliminiert sind.

Das Visualtraining ist Thema in unserem nächsten Post.

Bis dahin alles Gute und ein erfolgreiches Neues Jahr
Ihr Erich Wühr

Ätiologie und Pathogenese von Dysphorien

Mittwoch, 26. September 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Augenmuskeln sind Skelettmuskeln und somit können sie, wie alle anderen Muskeln auch, Mikrokontrakturen bilden. Pathohistochemisch sind Mikrokontrakturen chronische Entzündungen. Sie sind vor allem gekennzeichnet durch Mikrozirkulationsstörungen, die Sauerstoffmangel, dadurch ATP-Mangel, dadurch Azidose und letztendlich Schmerzen bewirken. Klinische zeigen sich Verhärtungen (Myogelosen), Beweglichkeitseinschränkungen und Fehlhaltungen. Verursacht werden solche chronischen Entzündungen durch

  • mechanische Belastungen (bei Augenmuskeln vor allem hohe Kräfte beim nächtlichen Knirschen und Pressen, aber auch andere Muskelkräfte, die auf die Orbita übertragen werden, sowie traumatische Kräfte, zum Beispiel Geburtstrauma),
  • chemische Belastungen (zum Beispiel Umweltbelastungen),
  • psycho-emotionale Belastungen (Stichwort: neurogene Entzündung) und/oder
  • physiologische Belastungen (zum Beispiel: Neuropathien der drei Augenmuskelnerven oder Elektro-Smog).

Wenn nun ein Augenmuskel solche Mikrokontrakturen aufweist, gerät das fein aufeinander abgestimmte Zusammenwirken der 14 Augenmuskeln durcheinander: Der kontrahierte Muskel zieht natürlich den Augapfel in seine Funktionsrichtung mit der Folge voneinander abweichender Sehachsen (siehe Abbildung). Das Gehirn würde Doppelbilder sehen. Diesen Zustand vermeidet es, indem es durch Kontraktion der Antagonisten die Sehachsen wieder synchronisiert. Diese Kompensation bedeutet ihrerseits eine Störung, die wiederum kompensiert werden muss und so weiter. Im Laufe der Zeit wird der Kompensationsaufwand immer größer. Die Augenmuskulatur ermüdet leichter und dekompensiert immer wieder, was sich in den Symptomen und Befunden einer Dysphorie (= Winkelfehlsichtigkeit) äussert (siehe nächster Weblog-Post). Schließlich beginnt sie sogar zu schmerzen: Schmerzen hinter den Augen und/oder Schmerzen um die Orbita herum.

Es wäre nun ein Fehler, wenn die Winkelfehlsichtigkeit ausschließlich optometrisch korrigiert werden würde: Zuerst müssen die belastenden Ursachen beseitigt werden; dann müssen die Augenmuskeln physiotherapeutisch behandelt werden; diese Behandlung muss durch Augenmuskelübungen (Visualtraining) unterstützt werden. Was dann noch an Fehlfunktion übrig bleibt, kann mit einer optometrischen Brille (Prismenbrille) korrigiert werden. Dazu werde ich in einem späteren Weblog-Post berichten.

Im nächsten Post in drei Wochen werde ich Ihnen die Befunde und Symptome einer Dysphorie vorstellen. Daran werden Sie erkennen, wenn Ihre Patienten an einer Winkelfehlsichtigkeit leiden.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Okklusionstherapie

Mittwoch, 06. Juni 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

heute komme ich zum Abschluss unserer Weblog-Serie über die Okklusion. Es geht um die verschiedenen Möglichkeiten der Therapie von Okklusionsstörungen. Wie alle therapeutischen Maßnahmen hat sich auch die Okklusionstherapie am Anliegen und an der Ausgangssituation des Patienten zu orientieren. Ich unterscheide:

  • Einfache restaurative Maßnahmen bei myofaszial beschwerdefreien Patienten: Bei diesen Patienten behalte ich das vorliegende gewohnheitsmäßige Okklusionsmuster bei und passe meine restaurative Maßnahme daran an.
  • Komplizierte restaurative bzw. (implantat-)prothetische Maßnahmen bei myofaszial beschwerdefreien Patienten: Bei diesen Patienten orientiere ich mich an den Ergebnisse einer Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse. Die Herstellung der Arbeit in einem Artikulator ist obligat.
  • Komplizierte restaurative bzw. (implantat-)prothetische Maßnahmen bei myofaszial beschwerdefreien Bruxismus-Patienten: Diese Patienten brauchen in der Regel eine Bisshebung. Diese Bisshebung prüfe ich mit Hilfe von Stabilisierungsschienen oder Langzeitprovisorien zwei bis drei Monate. Nur wenn der Patient myofaszial beschwerdefrei bleibt, übernehme ich die Bisshebung in die definitive Versorgung.
  • Feineinstellung der Okklusion bei kieferorthopädischen Behandlungen: Nach Entfernen der Multibracket-Apparatur führe ich bei diesen Patienten eine Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse durch. Die entsprechende zentrische Unterkieferrelation wird im Artikulator durch Setup und im Mund mit Hilfe eines entsprechenden Elasto-Positioners auf die zentrische Okklusion übertragen.
  • Feineinschleifen der Okklusion nach umfangreichen restaurativen oder (implantat-)prothetischen Behandlungen: Patienten mit umfangreichen restaurativen oder (implantat-)prothetischen Arbeiten werden abschließend mit einer Jig-Schiene versorgt, um auch weiterhin hohe Kräfte bei Bruxismus zu vermeiden. Dadurch werden Muskeln und Gelenke vor Überlastung ebenso geschützt wie die restaurative bzw. prothetische Arbeit vor Bruch oder Chipping. Dann führe ich morgendliche Einschleifsitzungen durch: Der Patient hat dabei die ganze Nacht seine Jig-Schiene getragen und sie im Mund belassen. So kann ich bei bestmöglich entspannter Muskulatur feine Einschleifkorrekturen vornehmen. Diese Einschleifsitzungen wiederhole ich in mehrwöchigen Abständen, bis der Patient angibt, dass er seinen Biss sofort einnehmen kann, wenn er morgens die Jig-Schiene herausnimmt.
  • Einfache und komplizierte restaurative bzw. (implantat-)prothetische Maßnahmen bei myofaszialen Schmerzpatienten: Diese Patienten behandle ich nach dem Konzept der Kraniofazialen Orthopädie. Eine Okklusionstherapie erfolgt in der oben beschriebenen Art und Weise, aber erst, wenn die Patienten beschwerdefrei sind.

Ziel aller Okklusionstherapien ist eine zentrische Okklusion: In der zentrischen Unterkieferposition sollen Ober- und Unterkieferzähne nach den Kriterien Kontakt zueinander haben, die wir im letzten Weblog-Post beschrieben haben.

Damit sind wir am Ende unserer Weblog-Serie über die Okklusion angelangt. Ich habe alle Weblog-Post in einem Artikel zusammengefasst. Diese Zusammenfassung können Sie sich hier herunterladen.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

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Okklusionsdiagnostik

Mittwoch, 25. April 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in unserer Weblog-Serie über die Okklusion komme ich heute zur Okklusionsdiagnostik. Sie ist sowohl Teil der Klinischen als auch der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse des Kraniomandibulären Systems.

Innerhalb der Klinischen Form- und Funktionsanalyse beurteilen wir die Okklusion direkt am Patienten:

  • Als Erstes zählen wir die Zähne: Fehlende Zähne, die nicht adäquat ersetzt sind, bedeuten häufig Störungen der Okklusion, zum Beispiel: Kippungen und Elongationen von Nachbar- bzw. Gegenzähnen, Nichtanlagen mit (oft unvollständigem) kieferorthopädischem Lückenschluss, kieferorthopädische Extraktionstherapie, asymmetrische Zahnbögen durch einseitige Zahnextraktionen.
  • Dann beurteilen wir, ob ausgeprägte intramaxilläre und intermaxilläre Okklusionsstörungen vorliegen: Tiefbiss/Deckbiss, frontal und seitlich offener Biss, frontaler und seitlicher Kreuzbiss, transversale Unterentwicklung der Zahnbögen, Engstände im Front- und Seitenzahnbereich sowie ein- und beidseitige Distalokklusion. Dies sind meiner Meinung nach Formstörungen, über die sich Bruxismus besonders belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystem auswirken kann.
  • Schließlich überprüfen wir mit verschiedenfarbigen Okklusionsfolien die statischen bzw. dynamischen Kontaktmuster der habituellen Okklusion. Auffällige Befunde sind fehlende zentrische Kontakte, protrusive, retrusive, mediotrusive und laterotrusive Schlifffacetten an Seitenzähnen bei fehlender Eckzahnführung sowie frontolaterale Schlifffacetten an den Front- und Eckzähnen.
  • Die zentrische Okklusion können wir meiner Meinung nach klinisch nicht eindeutig beurteilen, weil dazu eine lokale und physiotherapeutische Vorbehandlung notwendig ist. Außerdem ist eine vorbehandelte zentrische Unterkieferrelation nur in einem Artikulator eindeutig reproduzierbar.

Nach den gleichen Kriterien beurteilen wir die Okklusion innerhalb der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse. Allerdings sind dabei Gipsmodelle in einer physiotherapeutisch vorbehandelten zentrischen Position in einen Artikulator montiert. Dadurch ist es uns zusätzlich möglich, zentrische Vorkontakte zu identifizieren. Mein Vorgehen bei der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse habe ich schon in früheren Weblog-Posts beschrieben. Nur nach einer solchen instrumentellen Okklusionsanalyse ist die Planung einer definitiven und umfassenden Okklusionstherapie sinnvoll.

Im nächsten Weblog-Post will ich Ihnen vorstellen, mit welchem Okklusionskonzept ich arbeite.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

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Bruxismus

Mittwoch, 22. Februar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Bruxismus ist das Phänomen, dass bei der aggressiven, kämpferischen Form der Stress-Reaktion auch die Kaumuskulatur aktiviert wird, was zu Knirschen und Pressen mit den Zähnen führt. Dies geschieht mit extrem hohen Kräften: 200 bis 300 Kilopond sind beim nächtlichen Zähneknirschen gemessen worden. Tagsüber werden diese hohen Kräfte zwar nicht erreicht, jedoch wird auch bei täglichem Stress die Kaumuskulatur stärker aktiviert als bei den anderen Funktionen des Kausystems.

So hohe Kräfte und Belastungen wie beim nächtlichen Bruxismus kommen im Leben eines Menschen normalerweise nicht vor. Selbst bei Unfällen werden diese Kräfte selten erreicht. Und dann auch nur episodisch. Mit den Zähnen geknirscht wird jedoch jede Nacht und auch tagsüber, denn Stress ist eine normale Regulationsfunktion des Körpers: Tagsüber stellt sie dem Körper genügend Energie für seine verschiedenen Aktivitäten bereit. Nachts werden die täglichen Erlebnisse im Sinne von Psychohygiene verarbeitet, vor allem in den Traumphasen. Und dabei wird wieder die Kaumuskulatur aktiviert. Ich rechne deshalb Bruxismus zu den normalen Funktionen des Kausystems: Das Kausystem ist für mich vielmehr ein Stress-Organ und ein Organ der Stressorenverarbeitung als ein Kauorgan.

Es ist vor allem ein bestimmter Menschen- bzw. Persönlichkeitstyp betroffen: „Knirscher“ und „Presser“ sind in der Regel engagierte Menschen; Menschen die sich durchbeißen durch’s Leben, Macher, Manager, Perfektionisten, manchmal mit Hang zur Pedanterie. Sie sind zuverlässig; sie wollen alles richtig und es jedem recht machen. Wegen der hohen Kräfte, die sie bei Knirschen und Pressen ausüben, überlasten sie ihre Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems. Vor allem dann, wenn Okklusionsstörungen vorliegen. Dann entstehen myofasziale Schmerzen besonders leicht.

Wir können zentrischen und exzentrischen Bruxismus unterscheiden:

Beim zentrischen Bruxismus (Pressen) presst der betroffene Mensch sein Zähne in der habituellen Okklusion aufeinander. Es entstehen keine Abrasionen von Zahnhartsubstanz. Die Kiefergelenke sind dabei nicht belastet, weil der Unterkiefer durch die Zähne hart abgestützt ist. Die beiden Ossa temporalia sind durch die Galea aponeurotica straff miteinander verbunden, so dass sich die Kräfte des linken und rechten M. masseter in ihrer Wirkung auf die räumliche Lage der Ossa temporalia und damit der Fossae der Kiefergelenke gegenseitig aufheben.

Beim exzentrischen Bruxismus bewegt bzw. reibt der betroffene Mensch seine Zähne auf pro- und retrusiven Flächen bzw. auf latero- und mediotrusiven Flächen aneinander. Dies kann geräuschvoll oder lautlos erfolgen. Die Gewebe der Kiefergelenke werden belastet, wenn auch nicht mit den gleichen hohen Kräften, wie die Zähne. Auf Dauer jedoch wird es zu Formveränderungen dieser Gewebe (zum Beispiel des Diskus) kommen. Zunge und Wangen schieben sich wie Polster zwischen Ober- und Unterkieferzähne um die Kräfte zu dämpfen. Es entstehen Zahneindrücke in diesen Weichteilen. Mit der Zeit bilden sich durch Abrasionen von Zahnhartsubstanz Schlifffacetten aus.

In jedem Fall wird beim Bruxismus die Muskulatur stark belastet. Nicht nur die Kaumuskulatur, sondern auch die antagonistischen hyoidalen Muskeln und die komplementären Nackenmuskeln werden beansprucht: Pathohistochemisch kommt es auf Dauer zu Prozesstörungen auf zellbiologischer Ebene im Bindegewebe der betroffenen Muskeln: Azidose, Mikrozirkulationsstörungen, Sauerstoff- und ATP-Mangel, Mikrokontrakturen und schließlich nozizeptiver Schmerz.

Zur Vermeidung hoher Kräfte beim nächtlichen Bruxismus eignet sich besonders die so genannte Jig-Schiene. Sie wirkt durch Auslösung eines Reflexes: Sobald der N. trigeminus spürt, dass nur die unteren Frontzähne auf dem Jig Kontakt haben, schaltet er reflektorisch die Kraftentfaltung in der Kaumuskulatur herunter auf 1 bis 3 Kilo. Diese Wirkung eines Jigs ist in mehreren elektromyografischen Studien bestätigt worden.

Im nächsten Weblog-Post werde ich beschreiben, wie sich Okklusionsstörungen negativ auf die Gleichgewichtsregulation und damit auf die Körperhaltung  auswirken können.

Herzliche Grüße und viel Erfolg
Ihr Erich Wühr

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Okklusionsstörungen

Mittwoch, 01. Februar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Okklusionsstörungen sind Formstörungen der Kau- und Führungsflächen von Zähnen. Sie entstehen aufgrund von

  • Zahnfehlstellungen
  • Dysgnathien
  • Zahnformanomalien
  • Zahnzahlanomalien
  • iatrogen durch restaurative und/oder prothetische Maßnahmen
  • iatrogen durch kieferorthopädische Maßnahmen
  • iatrogen durch chirurgische Maßnahmen

Als Formstörungen belasten Okklusionsstörungen unmittelbar die Funktionen des Kraniomandibulären Systems. Diese Funktionen sind Kauen, Schlucken, Sprechen, Atmen sowie Knirschen und Pressen. Bei den Funktionen Kauen, Schlucken, Sprechen und Atmen wirken so geringe Muskelkräfte, dass die entsprechenden funktionellen Belastungen innerhalb und außerhalb des Kausystems in der Regel leicht adaptiert bzw. kompensiert werden können und nicht zu Symptomen führen. Beim Knirschen und Pressen (vor allem nächtlichem Bruxismus) entstehen allerdings so hohe Kräfte, dass die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden können.

Okklusionsstörungen sind also nicht unbedingt und von vornherein behandlungswürdig. Erst wenn hohe Muskelkräfte beim Knirschen und Pressen einwirken, können die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden. Dies ist in der Praxis der wichtigste und häufigste pathogenetische Weg, wie Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystem führen können. Darüber hinaus gibt es aber noch zwei weitere Wege:

  • Okklusionsstörungen können die Gleichgewichtsregulation und damit die Körperhaltung negativ beeinflussen.
  • Zwanghafte Patienten können vigilant werden. Das heißt: Sie fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf die Okklusion und aktivieren permanent ihre Kaumuskulatur, um ihre Zahnkontakte zu überprüfen. Sie verlernen, die Ruhelage des Unterkiefers einzunehmen. Sie verlernen, dass „der richtige Biss KEIN Biss ist“.

In den nächsten drei Weblog-Posts werde ich diese drei Möglichkeiten beschreiben, wie aus meiner Sicht Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen führen können:

  • Bruxismus
  • Propriozeptiver Input für die Gleichgewichtsregulation
  • Zwanghafte okklusale Vigilanz

Herzliche Grüße und alles Gute
Ihr Erich Wühr

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„Der richtige Biss ist KEIN Biss!“

Mittwoch, 11. Januar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

„Der richtige Biss ist KEIN Biss!“ Die normale Lage des Unterkiefers ist die Ruhelage. Ober- und Unterkieferzähne berühren sich die meiste Zeit nicht, sondern werden fast den ganzen Tag und die ganze Nacht in einem Abstand von 2 bis 4 mm gehalten. Insofern ist der Begriff „habituelle Okklusion“ irreführend, weil gewohnheitsmäßig (habituell) eben keine Zahnkontakte zustande kommen.

Allerdings am Ende des Schluckvorgangs, etwa jede Minute, stützt sich der Unterkiefer kurz, aber mit sehr geringer Kraft (5 Pond) am Oberkiefer ab. Dabei okkludieren die Zähne in der maximal möglichen Interkuspidation. Das Schlucken ist neben dem Pressen (siehe unten) die einzige Funktion des kraniomandibulären Systems bei dem die maximale Interkuspidation eingenommen wird. Meine Hypothese ist, dass diese eindeutige Okklusionsposition beim Schlucken über die Propriozeption der Parodontien und die trigeminozerebellaren Projektionen an das Kleinhirn gemeldet wird und zur Gleichgewichtsregulation beiträgt: Ähnlich einem Industrieroboter, der regelmäßig seine Nullposition einnehmen muss, um Fehler zu vermeiden, könnte es sein, dass das Kleinhirn in seiner Steuerung beim Schlucken durch die Einnahme der eindeutigen und hart abgestützten maximalen Interkuspidation kalibriert wird. Diese Zusammenhänge würden auch erklären, warum Menschen die Zähne zusammenbeissen, wenn sie größere Kräfte entfalten wollen, zum Beispiel beim Heben schwerer Gegenstände. Mit zusammengebissenen Zähnen ist es leichter, das Gleichgewicht zu halten.

Beim Kauen haben die Zähne keinen Kontakt: Kurz (10 Mikrometer) bevor es zum Zahnkontakt kommt, öffnen sich die Kiefer wieder. Dazu ist Kauen neurophysiologisch extrem präzise gesteuert. Eine Analogie mag dies verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, ein Formel-1-Rennwagen würde auf einer Strecke von 300 Metern auf 300 Stundenkilometer beschleunigt und rast auf eine Wand zu. Nur 3 Zentimeter vor der Wand leitet der Fahrer den Bremsvorgang ein, um 3 Millimeter vor der Wand stehen zu bleiben und dann sofort wieder rückwärts auf 300 Stundenkilometer zu beschleunigen. Technisch ist so etwas natürlich unmöglich, aber die neurophysiologische Steuerung des Kauvorgangs erreicht diese Präzision. Je nach Konsistenz der Nahrung werden beim Kauen 1 bis 3 Kilopond Kraft in das Schädelgefüge eingeleitet.

Knirschen und Pressen (besser: exzentrischer und zentrischer Bruxismus) ist das Phänomen, dass im Zuge der aggressiven Stressreaktion („Kämpfen“) auch die Kaumuskulatur aktiviert wird. Das Kausystem dient hierbei der Stressorenverarbeitung (nicht: Stressverarbeitung!). Vor allem beim nächtlichen Bruxismus werden dabei enorme Kräfte freigesetzt: 200 bis 300 Kilopond sind gemessen worden. In erster Linie sind es diese Kräfte, die Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems überlasten können, besonders dann, wenn im betreffenden Gebiss Okklusionsstörungen vorliegen.

Mit Okklusionsstörungen wird sich mein nächster Weblog-Post beschäftigen.

Bis dahin alles Gute und viel Erfolg
Ihr Erich Wühr

Über Ihre Kommentare zu diesem Post freue ich mich!

 

Weblog-Serie über die Okklusion

Dienstag, 10. Januar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches und sinnerfülltes Neues Jahr.

In unserem Weblog Kraniofaziale Orthopädie möchte ich das Jahr 2012 mit einer achtteiligen Serie (alle drei Wochen) über die Okklusion beginnen. Die (Re-)Konstruktion einer funktionsfähigen Okklusion gehört zu unserer alltäglichen Arbeit: Sowohl in der restaurativen und prothetischen Zahnmedizin als auch in der Kieferorthopädie spielt sie eine genauso wichtige, wenn nicht wichtigere Rolle wie die Ästhetik. Iatrogene Okklusionsstörungen können dazu beitragen, dass Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems belastet und schmerzhaft werden.

Allerdings sind Okklusionsstörungen nicht unbedingt und von vorne herein behandlungswürdig: Erst, wenn Muskelkraft über sie ausgeübt wird (hier sind vor allem die enorm hohen Kräfte beim nächtlichen Bruxismus von pathogenetischer Bedeutung), können die betroffenen Muskeln und Gelenke überlastet werden. Und: Auch bezüglich okklusaler Formstörungen hat der menschliche Körper eine große Adaptations- und Kompensationskapazität.

Bereits morgen wird der erste Weblog-Post dazu erscheinen. Er heißt: „Der richtige Biss ist KEIN Biss!“

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

 

Therapie: Wiederherstellung von Form und Funktion der Kiefergelenke

Dienstag, 13. Dezember 2011

Der erste Schritt bei der Behandlung der Kiefergelenke ist immer die Eliminierung belastender funktioneller und externer Kräfte. Im vorherigen Weblog-Post vor 14 Tagen haben wir dies besprochen. Nun kommt der zweite Schritt: Die Wiederherstellung von Form und Funktion der Kiefergelenke. Eigentlich geht es dabei nur um die Aufrechterhaltung physiologischer Funktionen, denn die Bindegewebe der Kiefergelenke haben ein großes Regenerationspotenzial. Sie werden ihre Form im Laufe der Zeit automatisch normalisieren, wenn sie ausschließlich physiologisch belastet werden. Zusätzlich verfügen wir über physiotherapeutische Möglichkeiten, um die Regeneration der
Gewebe zu unterstützen.

Wiederherstellung physiologischer Funktionen

Die Wiederherstellung physiologischer Funktionen geschieht durch die Abstützung der zentrischen Unterkieferrelation durch eine zentrische Okklusion. Dies kann erfolgen durch Stabilisierungsschienen verschiedenster Art, durch aufgeklebte, laborgefertigte Kauflächen aus Composite oder Keramik (so genannte table tops) oder durch provisorische bzw. definitive restaurative Maßnahmen. Besonders wichtig ist die Vermeidung hoher Kräfte beim nächtlichen Bruxismus. Dies geschieht durch das Tragen einer Jig-Schiene für mindestens weitere drei Monate. Da wir allerdings Bruxismus für eine normale Funktion des Kausystems halten, raten wir Patienten, auch über die Zeit der Regeneration hinaus eine Jig-Schiene zu tragen.

Physiotherapie

Physiotherapeutische Maßnahmen können die Regeneration der Bindegewebe der Kiefergelenke unterstützen. Es geht darum, die Durchblutung der Gewebe zu fördern und dadurch mit Energiestoffen (Sauerstoff und ATP) zu versorgen. In unserer Praxis hat sich dabei die Matrix-Rhythmus-Therapie (www.marhythe-systems.de) besonders bewährt. Sie ist physiotherapeutisch unser Mittel der Wahl geworden.

Zur unterstützenden Physiotherapie gehören auch funktionelle Übungen, die wir dem Patienten beibringen und die er in eigener Verantwortung
durchführen soll. Es haben sich in unserer Praxis zwei Übungssysteme bewährt:

  • Die Feldenkrais-Methode: Hier gibt es die verschiedensten Audio-Kassetten, die wir dem Patienten empfehlen (Suchen Sie bei www.amazon.de unter „feldenkrais kiefer“).
  • Die Spiraldynamik nach Christian Larsen: Auch hierfür gibt es Audio-Kassetten (Suchen Sie bei www.amazon.de unter „spiraldynamik kiefer“).

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? In dreizehn Weblog-Posts habe ich Ihnen meine Antwort auf diese Frage beschrieben. Falls Sie alle Posts in einem Artikel nochmal lesen wollen, können Sie die entsprechende Datei hier herunterladen.

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Jahresausklang und melde mich im Januar wieder.
Herzliche Grüße und Alles Gute im Neuen Jahr
Ihr/Euer Erich Wühr