Mit ‘mac-O-scope’ getaggte Artikel

Van-Orden-Stern-Test

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im letzten Post habe ich die verschiedenen Augenmuskeltests beschrieben. Wenn diese Tests auffällig sind, führen wir bei unseren Schmerzpatienten und kieferorthopädischen Patienten vertiefend den sogenannten Van-Orden-Stern-Test mit dem mac-O-scop durch. Dieser Test ist qualitativ und quantitativ aussagefähiger als die anderen Augenmuskeltests und dient uns vor allem der Verlaufkontrolle während der Therapie. Sollten am Ende unserer Therapie noch Hinweise auf eine Winkelfehlsichtigkeit bestehen, schicken wir diese Patienten zur genauen Vermessung und ggf. Korrektur mit einer Prismenbrille zum Optometriker.

Das mac-o-scop ist auf einem Stativ aufgeschraubt, dessen Höhe auf den stehenden Patienten eingestellt werden kann. Es besteht aus einem Okular, durch dessen Prismen die Sehachsen des Patienten parallel (unendliche Entfernung) gerichtet werden. Im Abstand von 20 cm ist eine senkrecht zur Blickrichtung stehende Platte montiert. Auf diese Platte wird ein Blatt aufgelegt, auf dem in einem bestimmten Abstand von einander zwei vertikale Symbolreihen mit danebenstehenden Zahlenreihen gedruckt sind.

Der Patient bekommt in jede Hand einen Bleistift. Zunächst sucht er in der linken und rechten Kolonne die „1“ und das „+“-Zeichen daneben. Auf dieses Symbol setzt er den linken bzw. rechten Bleistift. Nun bekommt er die Anweisung, die Bleistifte aueinander zuzuführen bis er sieht, dass sie sich berühren. Da die Sehachsen parallel gerichtet sind, haben die Bleistiftspitzen jedoch nur ungefähr die Hälfte der Strecke zwischen den beiden Symbolkolonnen zurückgelegt. Nun sucht er die „2“ in der linken Kolonne unten und in der rechten Kolonne oben. Wir setzt er die Bleistiftspitzen auf die entsprechenden Symbole und bewegt wieder die Bleistifte aufeinander zu, bis er sieht, dass sich die Bleistiftspitzen berühren. Dann das gleiche mit der „3“ links oden und rechts unten, dann mit der „4“ und so weiter.

Im Idealfall einer perfekten Winkelsichtigkeit ergibt sich einer so genannter Van-Orden-Stern:Die Bleistiftstriche treffen sich alle in zwei Punkten, die genau auf der Linie zwischen den beiden „+“-Zeichen (Horizontallinie) und in einem Viertel des Abstands der beiden Symbolkolonnen liegen. Eine Abweichung der Lage der Treffpunkte von den Idealpunkten gibt uns Hinweise, in welche Richtung die Sehachsen des Patienten abweichen.

Hier ein Beispiel für einen Van-Orden-Stern bei Winkelfehlsichtigkeit eines 11jährigen Jungen: Der Patient ist nicht in der Lage, alle Bleistiftstriche in einem Punkt zu vereinen. Außerdem gibt es starke Abweichungen in Richtung Esophorie (= Sehachsen in Konvergenz abweichend). Der Junge leidet an einer Distalbisslage. Unmittelbar nach dem Einsetzen einer korrigierenden Apparatur (AdvanSync) ergibt ein stark verbessertes Bild. Diese Verbesserung beweist, wie sehr sich funktionelle Maßnahmen im Kausystem auf die Augenmuskelfunktion auswirken kann.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen allen erholsame Feiertage und einen gelungenen Jahreswechsel. Ich werde mich am 9. Januar mit dem nächsten Weblog-Post wieder bei Ihnen melden.
Alles Gute und herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Befunderhebung: Tests der Augenmuskelfunktionen

Mittwoch, 28. November 2012

Für zahnärztliche und kieferorthopädische Zwecke genügen drei einfache Tests: Wir wollen mit diesen Tests überprüfen, ob bei dem betreffenden Patienten eine vertiefende Untersuchung der Augenmuskelfunktionen notwendig ist oder nicht. Diese drei Tests kosten nur wenig Zeit. Wir führen sie bei allen unseren Muskel- und Gelenkschmerzpatienten sowie bei unseren kieferorthopädischen Patienten durch. Bitte denken Sie daran: Jeweils ein Drittel aller jungen Patienten mit der Diagnose Legasthenie oder ADHS leiden tatsächlich nur an einer Winkelfehlsichtigkeit. Nicht nur, dass wir diese Patienten herausfinden und einer sinnvollen Therapie zuführen können, wir werden auch durch die Normalisierung der Form und Funktion des Kausystems die Winkelfehlsichtigkeit lindern oder sogar ganz beseitigen.

Konvergenztest: Beim Blick auf Personen oder Gegenstände, die sich näher als sechs Meter bei uns befinden, richten die Augenmuskeln die Sehachsen beider Augen nach innen in die so genannte Konvergenz (Abbildung 1). Mit dem Konvergenztest überprüfen wir diese Funktion: Wir stellen uns vor dem Patienten auf und halten einen Kugelschreiber in Augenhöhe des Patienten ungefähr 40 Zentimeter vor seiner Nasenspitze. Wir bitten den Patienten, die Spitze des Kugelschreibers nicht aus den Augen zu lassen und führen die Kugelschreiberspitze langsam auf die Nase des Patienten zu, bis sie die Nasenspitze berührt. Dabei müssen sich beide Augen gleichmäßig nach innen bewegen (Abbildung 2). Eine Dysfunktion liegt vor, wenn ein Auge nicht oder nicht genügend weit nach innen konvergiert. Wir sprechen dann von einer Hypokonvergenz.

Divergenztest: Dieser Test wird sofort an den Konvergenztest angeschlossen. Die Kugelschreiberspitze befindet sich noch an der Nasenspitze des Patienten. Wir bitten den Patienten, uns in die Augen zu schauen. Die Sehachsen beider Augen müssen sich nun schnell und gleichzeitig aus der Konvergenz wieder nach vorne richten (Abbildung 3). Eine Dysfunktion liegt vor, wenn ein Auge sich nicht bremsen kann und nach außen schwenkt (= Divergenz), um dann erst in die gerade Position zurückzukommen. Wir nennen diesen Befund eine Hyperdivergenz.

Abdecktest: Die Ausgangsposition des Abdecktests ist die gleiche wie beim Konvergenztest. Wir halten einen Kugelschreiber in 40 Zentimeter Abstand vor die Nasenspitze des Patienten. Zusätzlich decken wir mit unserer Handfläche ein Auge des Patienten ab. Damit verhindern wir, dass dieses Auge den Kugelschreiber sehen kann (Abbildung 4). Nun führen wir wieder die Kugelschreiberspitze zur Nasenspitze des Patienten, aber nicht weiter als die Abdeckung mit der Handfläche reicht. Wir beobachten, dass das sehende Auge in Konvergenz geht. Das sehende Auge müsste bei normaler Funktion der Augenmuskeln das abgedeckte, nicht sehende Auge mit in die Konvergenz führen. Wenn wir die Abdeckung wegziehen, müsste das nicht sehende Auge auch in Konvergenz auf die Kugelschreiberspitze gerichtet sein. Eine Dysfunktion liegt vor, wenn dies nicht der Fall ist und das nicht sehende Auge noch in Divergenz steht oder in die Konvergenz nachgeführt werden muss. Der Test wird dem anderen Auge wiederholt.

Diese drei einfachen und schnell durchzuführenden Tests geben uns Hinweise auf Fehlfunktionen der Augenmuskeln, aufgrund derer wir vertiefende Untersuchungen beim Optometriker auslösen können. Aber Vorsicht: Viele Optometriker vermessen die Augenmuskelfunktionen und fertigen sofort danach eine so genannte Prismenbrille an, um die Winkelfehlsichtigkeit mit dieser Sehhilfe zu korrigieren. Wir gehen aber davon aus, dass wir durch unsere zahnärztlichen, kieferorthopädischen und physiotherapeutischen Behandlungen sowie durch Übungen die Augenmuskelfunktionen positiv beeinflussen werden. Also wäre eine optometrische Sehhilfe erst angezeigt, wenn nach diesen Behandlungen tatsächlich noch Augenmuskelfehlfunktionen übrig blieben.

Um dieses Dilemma zu vermeiden, haben wir in unserer Praxis eine zusätzliche und vertiefende Messmethode der Augenmuskelfunktionen eingeführt: den so genannten Van-Orden-Stern-Test mit dem mac-O-scope. Mit dieser Methode können wir den Erfolg unserer Behandlungen in Bezug auf die Augenmuskelfunktionen genauer messen und im Verlauf dokumentieren. Ich werde ich Ihnen diese Methode in drei Wochen in meinem nächsten Weblog-Post vorstellen.

Bis dahin alles Gute
Ihr Erich Wühr