Mit ‘Optometrie’ getaggte Artikel

Zusammenfassung und vertiefende Informationen

Mittwoch, 20. Februar 2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die positiven Erfahrungen der täglichen Praxis zeigen uns, dass Form und Funktion des Kausystems eng mit der Funktion der Augenmuskeln zusammenhängen. Deshalb müssen wir in unserem interdisziplinären Konzept intensiv mit Optometristen zusammenarbeiten – sowohl in der Kieferorthopädie als auch bei der Diagnostik und Therapie von myofaszialen Schmerzen:

Bei anamnestischen Hinweisen auf Winkelfehlsichtigkeit führen wir Screening-Tests der Augenmuskelfunktionen durch, die wir gegebenenfalls durch einen Van-Orden-Stern-Test mit dem mac-O-scope vertiefen. Nach der Beseitigung von Form- und Funktionsstörungen im Kausystem wiederholen wir die Messungen und lösen, falls notwendig, vertiefende Untersuchungen und Behandlungen beim Optometristen aus.

Mit der folgenden Linkliste zu vertiefenden Informationen im Web schließen wir unsere Weblogserie zur Optometrie ab:

www.wvao.org
Wissenschaftliche Vereinigung für Augenoptik und Optometrie

www.ivbv.org
Internationale Vereinigung für binokulare Vollkorrektur

www.visual-training.info
Ein verhaltensorientiertes Sehtraining zur Verbesserung der Sehkraft, der visuellen Ausdauer und damit der allgemeinen Leistungsfähigkeit.

www.winkelfehlsichtigkeit.de
Dr. Uwe Wulff, Augenarzt und Augenoptiker

www.optometrieonline.de
Portal von Optometristen, die ständigen Austausch und Fortbildung pflegen

www.fehlsichtige-kinder.de
Selbsthilfegruppe in Bayern von Eltern betroffener Kinder

www.selbsthilfegruppe-winkelfehlsichtigkeit.de
Selbsthilfegruppe in Baden-Württemberg von Eltern betroffener Kinder

www.familie-staerken.de
Informationen zum Thema ADS, AD(H)S

Herzliche Grüße und viel Erfolg
Ihr Erich Wühr

Visualtraining

Mittwoch, 30. Januar 2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Augenmuskeln sind Skelettmuskeln. Sie sind deshalb durch die gleichen Belastungen betroffen wie andere Skelettmuskeln; sie zeigen die gleichen pathohistochemischen Prozesse und sind mit den gleichen Methoden therapierbar. Das bedeutet auch, dass sie durch Übungen positiv zu beeinflussen sind. Wichtig ist, vor einem Visualtraining die vorliegenden Belastungen zu identifizieren und zu vermeiden.

Beispielhaft hier das Vorgehen, das der Optometrist Josef Thiel auf seiner Website www.sehen-sie-selbst.com beschreibt:

1. Zuerst wird eine visuelle Analyse nach dem OEP 21 Punkte Messprogramm, zusammen mit einer Vielzahl von Funktionsteste rund ums Auge vorgenommen. Bei dieser Messung werden die Leistungsgrenzen des Augenpaares ausgelotet.

2. Bei Kindern werden zusätzliche Tests z.B. über Lesefähigkeit und Bodyknowledge (Körpergefühl) durchgeführt.

3. Nach der Auswertung wird das Trainings-Programm individuell nach den geforderten Sehaufgaben zusammengestellt.

4. Ein Training beinhaltet je nach visuellem Problem 10-15 Trainingseinheiten im Optometrischen Zentrum Lindau, um das gelernte zu vertiefen und ins tägliche Leben einfügen.

5. Die tägliche Übungseinheit zuhause dauert ca. 20 Minuten, um den Erfolg des Trainings zu gewährleisten. Das benötigte Trainingsmaterial erhalten Sie bei uns.

6. Nach 14 Tagen (Übungseinheiten) treffen wir uns wieder im Optometrischen Zentrum und üben gemeinsam neue Teile des Trainings-Programms. Zeitaufwand ca. 45 Min.

7. Oft sind diese visuellen Probleme nach 6 Monaten trainieren nicht völlig integriert und können nach einer Pause von ca. 3-4 Monaten weiter vertieft werden.

8. Ein jährlicher Check beim Funktionaloptometristen ist empfehlenswert.

Optometristen, die Visualtraining anbieten, finden Sie auf der Webseite ihres Verbands: www.wvao.org Für weitere Informationen googeln Sie „Visualtraining“ …

Mit dem nächsten Post werden wir unsere Serie zur Optometrie mit einer Linkliste zu vertiefenden Informationen im Web abschließen.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Die Behandlung von Augenmuskelfehlfunktionen

Mittwoch, 09. Januar 2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unter den Optometristen herrscht Uneinigkeit: Die Einen bestreiten, dass es möglich ist, durch Übungen Winkelfehlsichtigkeiten zu verbessern. Sie halten Sehhilfen und chirurgische Interventionen für die einzigen Möglichkeiten. Die Anderen versuchen, die Winkelfehlsichtigkeit vordergründig durch Behandlungen und Visualtraining zu verbessern. Ich schließe mich der zweiten Gruppe an: Augenmuskeln sind Skelettmuskeln. Sie sind deshalb durch die gleichen Belastungen betroffen wie andere Skelettmuskeln; sie zeigen die gleichen pathohistochemischen Prozesse und sind mit den gleichen Methoden therapierbar.

Wie immer in der Systemischen Medizin müssen wir zunächst belastende Lebensbedingungen identifizieren und eliminieren: mechanische, chemische, psychische und physiologisch-physikalische Belastungen kommen in Frage. Im Vordergrund stehen dabei erfahrungsgemäß psycho-emotionale Belastungen und die hohen mechanischen Kräfte beim Bruxismus.

Die Eliminierung der hohen Kräfte beim nächtlichen Zähneknirschen geschieht natürlich mit einer Jig-Schiene. Das damit immer verbundene Stresstraining sorgt für psycho-emotionale Entlastung. Auch kieferorthopädische Behandlungen wirken sich durch Verbesserung von Form und Funktion des Kausystem entlastend auf die Augenmuskelfunktionen aus. Ich erinnere Sie an das Fallbeispiel „Distalokklusion und AdvanSync“ im letzten Post vor Weihnachten.

Zur Extension von Mikrokontrakturen (chronische Entzündungen) in den Augenmuskeln setzen wir physiotherapeutische Verfahren ein. Unser Mittel der Wahl ist dabei die Matrix-Rhythmus-Therapie. Auch mit Akupunktur können wir die Form und Funktion der Augenmuskeln verbessern.

Natürlich sind die Augenmuskeln Teil des Fasziensystems: Sie stehen in enger funktioneller und struktureller Verbindung mit der duralen Faszienschicht, weil die Augenhöhle durch wichtige Knochen des Schädelgefüges gebildet wird. Ebenso gibt es enge funktionelle Beziehungen zum muskuloskelettalen Teil des Fasziensystems, vor allem zur Halswirbelsäule: Die Bewegungen des Kopfes durch die Hals- und Nackenmuskeln sind funktionell eng mit dem Sehen verbunden. Dies gilt vor allem in Bezug auf den Musculus sternocleidomastoideus. So finden wir nach Schleudertraumata häufig auch Fehlfunktionen der Augenmuskeln. Aus allen diesen Gründen sind osteopathische Behandlungen bei Winkelfehlsichtigkeiten sehr sinnvoll und erfolgversprechend.

Schließlich weise ich nochmal darauf hin, dass ich das Visualtraining bezüglich seiner Wirksamkeit bei Winkelfehlsichtigkeiten sehr hoch einschätze. Allerdings ist es erst dann sinnvoll, wenn individuell vorliegende Belastungen identifiziert und eliminiert sind.

Das Visualtraining ist Thema in unserem nächsten Post.

Bis dahin alles Gute und ein erfolgreiches Neues Jahr
Ihr Erich Wühr

Van-Orden-Stern-Test

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im letzten Post habe ich die verschiedenen Augenmuskeltests beschrieben. Wenn diese Tests auffällig sind, führen wir bei unseren Schmerzpatienten und kieferorthopädischen Patienten vertiefend den sogenannten Van-Orden-Stern-Test mit dem mac-O-scop durch. Dieser Test ist qualitativ und quantitativ aussagefähiger als die anderen Augenmuskeltests und dient uns vor allem der Verlaufkontrolle während der Therapie. Sollten am Ende unserer Therapie noch Hinweise auf eine Winkelfehlsichtigkeit bestehen, schicken wir diese Patienten zur genauen Vermessung und ggf. Korrektur mit einer Prismenbrille zum Optometriker.

Das mac-o-scop ist auf einem Stativ aufgeschraubt, dessen Höhe auf den stehenden Patienten eingestellt werden kann. Es besteht aus einem Okular, durch dessen Prismen die Sehachsen des Patienten parallel (unendliche Entfernung) gerichtet werden. Im Abstand von 20 cm ist eine senkrecht zur Blickrichtung stehende Platte montiert. Auf diese Platte wird ein Blatt aufgelegt, auf dem in einem bestimmten Abstand von einander zwei vertikale Symbolreihen mit danebenstehenden Zahlenreihen gedruckt sind.

Der Patient bekommt in jede Hand einen Bleistift. Zunächst sucht er in der linken und rechten Kolonne die „1“ und das „+“-Zeichen daneben. Auf dieses Symbol setzt er den linken bzw. rechten Bleistift. Nun bekommt er die Anweisung, die Bleistifte aueinander zuzuführen bis er sieht, dass sie sich berühren. Da die Sehachsen parallel gerichtet sind, haben die Bleistiftspitzen jedoch nur ungefähr die Hälfte der Strecke zwischen den beiden Symbolkolonnen zurückgelegt. Nun sucht er die „2“ in der linken Kolonne unten und in der rechten Kolonne oben. Wir setzt er die Bleistiftspitzen auf die entsprechenden Symbole und bewegt wieder die Bleistifte aufeinander zu, bis er sieht, dass sich die Bleistiftspitzen berühren. Dann das gleiche mit der „3“ links oden und rechts unten, dann mit der „4“ und so weiter.

Im Idealfall einer perfekten Winkelsichtigkeit ergibt sich einer so genannter Van-Orden-Stern:Die Bleistiftstriche treffen sich alle in zwei Punkten, die genau auf der Linie zwischen den beiden „+“-Zeichen (Horizontallinie) und in einem Viertel des Abstands der beiden Symbolkolonnen liegen. Eine Abweichung der Lage der Treffpunkte von den Idealpunkten gibt uns Hinweise, in welche Richtung die Sehachsen des Patienten abweichen.

Hier ein Beispiel für einen Van-Orden-Stern bei Winkelfehlsichtigkeit eines 11jährigen Jungen: Der Patient ist nicht in der Lage, alle Bleistiftstriche in einem Punkt zu vereinen. Außerdem gibt es starke Abweichungen in Richtung Esophorie (= Sehachsen in Konvergenz abweichend). Der Junge leidet an einer Distalbisslage. Unmittelbar nach dem Einsetzen einer korrigierenden Apparatur (AdvanSync) ergibt ein stark verbessertes Bild. Diese Verbesserung beweist, wie sehr sich funktionelle Maßnahmen im Kausystem auf die Augenmuskelfunktion auswirken kann.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen allen erholsame Feiertage und einen gelungenen Jahreswechsel. Ich werde mich am 9. Januar mit dem nächsten Weblog-Post wieder bei Ihnen melden.
Alles Gute und herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Ätiologie und Pathogenese von Dysphorien

Mittwoch, 26. September 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Augenmuskeln sind Skelettmuskeln und somit können sie, wie alle anderen Muskeln auch, Mikrokontrakturen bilden. Pathohistochemisch sind Mikrokontrakturen chronische Entzündungen. Sie sind vor allem gekennzeichnet durch Mikrozirkulationsstörungen, die Sauerstoffmangel, dadurch ATP-Mangel, dadurch Azidose und letztendlich Schmerzen bewirken. Klinische zeigen sich Verhärtungen (Myogelosen), Beweglichkeitseinschränkungen und Fehlhaltungen. Verursacht werden solche chronischen Entzündungen durch

  • mechanische Belastungen (bei Augenmuskeln vor allem hohe Kräfte beim nächtlichen Knirschen und Pressen, aber auch andere Muskelkräfte, die auf die Orbita übertragen werden, sowie traumatische Kräfte, zum Beispiel Geburtstrauma),
  • chemische Belastungen (zum Beispiel Umweltbelastungen),
  • psycho-emotionale Belastungen (Stichwort: neurogene Entzündung) und/oder
  • physiologische Belastungen (zum Beispiel: Neuropathien der drei Augenmuskelnerven oder Elektro-Smog).

Wenn nun ein Augenmuskel solche Mikrokontrakturen aufweist, gerät das fein aufeinander abgestimmte Zusammenwirken der 14 Augenmuskeln durcheinander: Der kontrahierte Muskel zieht natürlich den Augapfel in seine Funktionsrichtung mit der Folge voneinander abweichender Sehachsen (siehe Abbildung). Das Gehirn würde Doppelbilder sehen. Diesen Zustand vermeidet es, indem es durch Kontraktion der Antagonisten die Sehachsen wieder synchronisiert. Diese Kompensation bedeutet ihrerseits eine Störung, die wiederum kompensiert werden muss und so weiter. Im Laufe der Zeit wird der Kompensationsaufwand immer größer. Die Augenmuskulatur ermüdet leichter und dekompensiert immer wieder, was sich in den Symptomen und Befunden einer Dysphorie (= Winkelfehlsichtigkeit) äussert (siehe nächster Weblog-Post). Schließlich beginnt sie sogar zu schmerzen: Schmerzen hinter den Augen und/oder Schmerzen um die Orbita herum.

Es wäre nun ein Fehler, wenn die Winkelfehlsichtigkeit ausschließlich optometrisch korrigiert werden würde: Zuerst müssen die belastenden Ursachen beseitigt werden; dann müssen die Augenmuskeln physiotherapeutisch behandelt werden; diese Behandlung muss durch Augenmuskelübungen (Visualtraining) unterstützt werden. Was dann noch an Fehlfunktion übrig bleibt, kann mit einer optometrischen Brille (Prismenbrille) korrigiert werden. Dazu werde ich in einem späteren Weblog-Post berichten.

Im nächsten Post in drei Wochen werde ich Ihnen die Befunde und Symptome einer Dysphorie vorstellen. Daran werden Sie erkennen, wenn Ihre Patienten an einer Winkelfehlsichtigkeit leiden.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Zahnmedizin und Optometrie

Dienstag, 04. September 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Sommerpause ist vorbei, und ich werde Sie in diesem Herbst und Winter in einer Weblog-Serie über den Zusammenhang des Kraniomandibulären Systems mit den Funktionen der Augenmuskeln informieren.

In der täglichen Praxis ist dieser Zusammenhang oft in verblüffender Art und Weise auffällig und relevant, sowohl bei Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen als auch bei kieferorthopädischen Patienten. Die Erfahrung zeigt ganz deutlich, dass sich Form- und Funktionsstörungen des Kausystems belastend auf die Funktion der Augenmuskeln auswirken und dort zu Problemen und Symptomen führen, vor allem zur so genannten Winkelfehlsichtigkeit (Dysphorie).

Bei unseren Schmerzpatienten untersuchen wir mittlerweile routinemäßig die Augenmuskelfunktionen und arbeiten mit Optometrikern (das sind fortgebildete Optiker, die Winkelfehlsichtigkeit messen und korrigieren) zusammen. Die Jig-Schiene zeigt teilweise enorme Verbesserungen der Augenmuskelfunktionen, was sich über funktionelle Zusammenhänge auch positiv auf die Hals- und Nackenmuskulatur auswirkt.

Untersuchungen haben ergeben, dass bei einem Drittel der Kinder, bei denen Legasthenie diagnostiziert wurde, und bei einem Drittel der Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, tatsächlich „lediglich“ eine Winkellfehlsichtigkeit vorliegt. Und die steht häufig im Zusammenhang mit Kieferanomalien und Zahnfehlstellungen. Wenn diese Zahlen auch nur annähernd stimmen, haben wir als Zahnärzte und Kieferorthopäden die Verantwortung, diese Kinder herauszufinden und der richtigen, nämlich zahnärztlich-kieferorthopädischen Behandlung zuzuführen. Es ist mein Traum, dass irgendwann alle Kieferorthopäden, genauso wie sie mit Logopäden und Hals-Nasen-Ohren-Ärzten zusammenarbeiten, routinemäßig auch die Funktion der Augenmuskeln untersuchen und mit Optometrikern kooperieren.

Mit meiner Weblog-Serie möchte ich Sie für diese Problematik sensibilisieren und motivieren, sich bei Ihren Schmerzpatienten und auch bei Ihren kieferorthopädischen Patienten um diese Zusammenhänge zu kümmern. Ich werde berichten über

  • die funktionelle Anatomie des Augenmuskelsystems (am 5. September),
  • die Ätiologie und Pathogenese von Fehlfunktionen der Augenmuskeln (Winkelfehlsichtigkeit, = Dysphorie) (am 26. September),
  • die Problematik der Fehldiagnosen Legasthenie und ADHS bei Dysphorien (am 17. Oktober),
  • die Befunde der Dysphorien (am 7. November),
  • die Anamnese der Dysphorien (am 28. November),
  • die Befunderhebung: Tests der Augenmuskelfunktionen (am 12. Dezember),
  • den Van-Orden-Stern-Test mit dem mac-O-scope (am 9. Januar 2013),
  • die Therapie von Augenmuskelfehlfunktionen (30. Januar 2013)
  • das Visualtraining (am 20. Februar 2013) und
  • über Quellen von vertiefenden Informationen im Internet (am 13. März 2013).

Morgen erscheint der erste Weblog-Post zur funktionellen Anatomie des Augenmuskelsystems. Bitte scheuen Sie sich nicht, Fragen zustellen und meine Ausführungen zu kommentieren. Ich würde mich über rege Diskussionen sehr freuen.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Therapie: Eliminierung belastender funktioneller und belastender externer Kräfte

Dienstag, 29. November 2011

Wir erinnern uns:

Die regulative, regenerative, adaptative und kompensatorische Kapazität der Bindegewebe der Kiefergelenke ist groß: Auch bei ausgeprägten Gewebeveränderungen können die Gelenke hinreichend und symptomfrei funktionieren. Das bedeutet, dass nicht jede strukturelle und funktionelle Störung in den Kiefergelenken behandelt werden muss. Wenn wir uns aufgrund eines Patientenanliegens, rezidivierender  Kieferklemme oder Kiefersperre, vor umfangreichen restaurativen und/oder prothetischen Sanierungen oder bei Muskel- und Gelenkschmerzen dazu entschließen, Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke zu behandeln, dann müssen wir zuallererst belastende funktionelle und belastende externe Kräfte mit Hilfe der klinischen, instrumentellen und bildgebenden Form- und Funktionsanalyse sowie der Haltungs- und Bewegungsanalyse identifizieren und eliminieren. Die Eliminierung der Belastungen ist unbedingt notwendig, um Form und Funktion der Kiefergelenke nachhaltig wiederherzustellen.

Eliminierung belastender funktioneller Kräfte

Wir erachten von allen funktionellen Kräften im kraniomandibulären System nur die Kräfte, die beim Knirschen und Pressen mit den Zähnen (Bruxismus) auftreten, als potenziell belastend für die Kiefergelenke. Um diese enorm hohen Kräfte (bis zu 300 kp sind im Bereich der Okklusion gemessen worden) zu vermeiden, nutzen wir den Reflex, dass der N. trigeminus die Kraftentfaltung in der Kaumuskulatur auf 1 bis 3 kp reduziert, wenn nur die unteren Frontzähne Kontakt haben. Wir tun dies mit einer so genannten Jig-Schiene. Grundlegend zur Vermeidung hoher Kräfte beim Bruxismus ist allerdings der angemessene Umgang mit Stress. Deshalb absolvieren unsere Patienten begleitend zur Jig-Schienen-Therapie ein Stress-Management-Training bei unserem Psychologen oder in eigener Verantwortung ein Entspannungstraining.

Eliminierung belastender externer Kräfte

Belastende externe Kräfte sind dysfunktionelle Kräfte, die aus dem Fasziensystem auf die Kiefergelenke wirken. Sie werden von den Orthopäden, Physiotherapeuten, Osteopathen und anderen Experten in unserem interdisziplinären Netzwerk eliminiert, indem sie Körperfehlhaltungen und Beweglichkeitseinschränkungen behandeln. Besonders bewährt hat sich dabei in unseren Händen die Matrix-Rhythmus-Therapie. Sie behandelt Prozessstörungen auf zellbiologischer Ebene (akute und chronische Entzündungen) und stellt Form und Funktion belasteter Bindegewebsbereiche wieder her.

Zusätzlich muss bei vielen Patienten die Gleichgewichtsregulation durch optometrische Maßnahmen (Augenmuskelübungen und Prismenbrillen) und durch propriozeptive Einlagesohlen verbessert werden.

Alle diese Maßnahmen zur Normalisierung der externen Kräfte, die auf die Kiefergelenke wirken, führen in der Regel dazu, dass die Schläfenbeine ihre Position innerhalb des Gefüges der Schädelknochen ebenso verändern wie der Unterkiefer seine relative Lage zum Oberkiefer. In der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse in einen Artikulator sehen wir dann eine Abweichung der vorbehandelten Unterkieferposition von der habituellen Interkuspidation, die mehrere Millimeter betragen kann. Diese Unterkieferlage muss durch eine Aufbissschiene oder andere Maßnahmen (restaurativ, prothetisch, kieferorthopädisch, Einschleifen) dauerhaft stabilisiert werden.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf: In der Therapie ist die dauerhafte Eliminierung belastender externer und funktioneller Kräfte unbedingte Voraussetzung dafür, dass daran anschließend Form und Funktion der Kiefergelenke wiederhergestellt werden können. Letzteres werde ich im nächsten und abschließenden Post unserer Weblog-Serie über die Kiefergelenke beschreiben.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse – Teil 3: Gewebeverlässlichkeit

Dienstag, 18. Oktober 2011

In diesem Weblog-Post kommen wir zur dritten und entscheidenden Frage der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse: Wie verlässlich ist die Unterkieferposition, die wir registriert haben? Mit anderen Worten: Zeigt uns das Registrat tatsächlich eine Unterkieferposition an, die für den Patienten beschwerdefrei ist?

Nach meiner Meinung ist die Verlässlichkeit des Registrats nicht so sehr von der Methode oder vom Behandler abhängig wie vom Zustand der registrierten Gewebe: Bei Patienten mit myofaszialen Schmerzen, Muskelverspannungen, Formstörungen der Gelenke und Gelenkentzündungen, Körperfehlhaltungen oder ausgeprägten Zahnfehlstellungen und Kieferanomalien wird kein noch so erfahrener Behandler mit keiner noch so ausgeklügelten Methode ein Registrat nehmen können, auf das er sich prospektiv voll verlassen kann.

Wodurch kann die Verlässlichkeit der Gewebe beeinträchtigt werden?

Form und Funktion von Geweben hängen aus systemischer Sicht von den Rahmenbedingungen ab, die sie zu regulieren, adaptieren und kompensieren haben. Irritierende und belastende Rahmenbedingungen führen zu Form- und Funktionsstörungen. Für die an der zentrischen Kondylenposition beteiligten Gewebe sind folgende belastenden Bedingungen von besonderer Bedeutung:

  • Psycho-emotionaler Stress und entsprechend hohe Krafteinleitung beim Knirschen und Pressen
  • Zahnfehlstellungen und Dysgnathien
  • Mikrokontrakturen und Beweglichkeitseinschränkungen in allen Schichten des Fasziensystems (auch im Kraniomandibulären System selbst)
  • Fehlfunktionen der Augenmuskeln (Winkelfehlsichtigkeit)
  • Fehlfunktionen der Fußgewölbemuskulatur

Wie können wir die Verlässlichkeit der Gewebe beurteilen?

Als Hinweise aus fehlende Verlässlichkeit der beteiligten Gewebe gelten für uns folgende Kriterien:

  • Schmerzen in den Kiefergelenken (aufgrund von Arthritis, Kapsulitis oder aktivierter
    Arthrose) und in der Kaumuskulatur (myofasziale Schmerzen)
  • Diskopathien im Kiefergelenk (partielle oder vollständige Diskusluxationen)
  • druckschmerzhafte Muskulatur im Gesichts-, Kopf-, Hals- und Nackenbereich
  • neuralgische und neuralgiforme Schmerzen des Nervus trigeminus
  • motorische Fehlfunktion des Nervus trigeminus
  • ausgeprägter Bruxismus (abradierte Zahnhartsubstanz, Rezessionen der Gingiva, Zahneindrücke in Zunge und Wange)
  • ausgeprägte Zahnfehlstellungen und Dysgnathien
  • Dysfunktionen der Lippe, Zunge und Wange
  • ungenügende Reproduzierbarkeit von Kondylenpositionen

Die Reproduzierbarkeit der Kondylenposition können wir ganz einfach dadurch testen, dass wir drei oder mehr Registrate nehmen und diese im Artikulator mit Hilfe der Split-Cast-Methode überprüfen. Auch elektronische Hilfsmittel (in unserer Praxis wenden wir den Bluefox Freecorder an) eignen sich zur Überprüfung der Reproduzierbarkeit der Kondylenposition: Kann der vorbehandelte N. trigeminus in einem vorbehandelten Fasziensystem die Kaumuskulatur so steuern, dass auf einem frontalen Jig mehrmals hintereinander nahezu dieselbe Unterkieferposition eingenommen wird, dann gehen wir von einem verlässlichen Gewebe aus und damit von einem verlässlichen Registrat.

Wie können wir die Verlässlichkeit der Gewebe herstellen?

Wenn allerdings Hinweise für fehlende Verlässlichkeit der beteiligten Gewebe bestehen und keine reproduzierbare Kondylenposition vorliegt, dann müssen wir erst Maßnahmen ergreifen, die verlässliche Gewebe schaffen: Eliminierung irritierender und belastender Rahmenbedingungen und Wiederherstellung einer möglichst normalen Form und Funktion der beteiligten Gewebe. Dazu stehen uns folgenden Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung:

  • Jig-Schiene und Stress-Management-Training bzw. Entspannungstraining
  • Kieferorthopädie
  • Physiotherapie
  • Optometrie
  • Propriozeptive Einlagen

Wenn wir trotz dieser Maßnahmen keine verlässliche Unterkieferposition finden, dann müssen wir eine therapeutische Position festlegen (hier hat sich in unserer Praxis das CAR-Gerät aus dem Bluefox-Freecorder-System hervorragend bewährt) und mit Hilfe einer Stabilisierungsschiene dem Gewebe anbieten. Diese Schienentherapie wird weiter von entsprechenden Behandlungen zur Herstellung der Gewebeverlässlichkeit begleitet. Nach drei bis sechs Monaten führen wir dann eine erneute Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse durch. Es hängt sowohl von der Qualität der therapeutischen Position als auch von der Qualität der Begleitbehandlungen ab, ob eine verlässliche Unterkieferposition erreicht werden kann.

Im nächsten Weblog-Post beschäftigen wir uns mit den bildgebenden Verfahren der Form- und Funktionsanalyse des kraniomandibulären Systems.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr