Klinische Form- und Funktionsanalyse

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

herzlich willkommen zurück aus der Sommerpause. Ich hoffe, Sie hatten erholsame Ferien. Wie angekündigt setzen wir heute unsere Weblogserie „Die Kiefergelenke – Was müssen wir als Praktiker wissen?“ fort. Wenn Sie neu dazugekommen sind oder sich die vorangegangenen Posts nochmal durchlesen wollen, dann finden Sie diese im Archiv des Weblogs unter „Kiefergelenke“ …

Damit haben wir im Juli aufgehört:

Die regulative, regenerative, adaptative und kompensatorische Kapazität der Bindegewebe der Kiefergelenke ist groß: Auch bei ausgeprägten Gewebeveränderungen können die Gelenke hinreichend und symptomfrei funktionieren. Das bedeutet, dass nicht jede strukturelle und funktionelle Störung in den Kiefergelenken behandelt werden muss. Wenn wir uns aufgrund eines Patientenanliegens, rezidivierender  Kieferklemme oder Kiefersperre, vor umfangreichen restaurativen und/oder prothetischen Sanierungen oder bei Muskel- und Gelenkschmerzen dazu entschließen, Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke zu behandeln, dann müssen wir zuallererst belastende funktionelle und belastende externe Kräfte identifizieren und eliminieren.

Wir wenden uns zuerst der Identifizierung belastender Kräfte zu. Es stehen uns vier Vorgehensweisen zur Verfügung:

  • Klinische Form- und Funktionsanalyse
  • Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse
  • Bildgebende Verfahren
  • Haltungs- und Bewegungsanalyse

Diese Verfahren werden wir in den folgenden Posts besprechen. Abschließen werden wir unsere Weblogserie mit Posts über die Eliminierung belastender Kräfte und über die Wiederherstellung von Form und Funktion der Kiefergelenke. Heute nun die

Klinische Form- und Funktionsanalyse

Diese Methode der Befunderhebung hat eine lange Geschichte: Der dänische Zahnmediziner Krogh-Poulsen hat schon in den 1970er Jahren seine Klinische Funktionsanalyse vorgestellt und propagiert. Von dem Physiotherapeuten und Osteopathen Groot Landeweer und dem Zahnmediziner Bumann wurde die Vorgehensweise wesentlich verfeinert und erweitert. Ihre Methode, die so genannte Manuelle Funktionsdiagnostik, ist die Anwendung osteopathischer Methoden auf die Untersuchung von Form und Funktion der Kiefergelenke. Sie ist in dem hervorragenden Thieme-Atlas  Bumann A und Lotzmann U. Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien. Farbatlanten der Zahnmedizin, Bd. 12. Stuttgart: Thieme 2000 ausführlich beschrieben. Allerdings ist die Manuelle Funktionsdiagnostik sehr detailliert und umfangreich. So haben Ahlers und Jakstat in 2001 einen schnellen und sicheren CMD-Kurzbefund vorgestellt, der von der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) als Einstiegs- und Routinemethode empfohlen wird und auch von Ärzten und Therapeuten als Screening-Untersuchung einfach erlernt und angewendet werden kann.

Wir nennen unsere Vorgehensweise Klinische Form- und Funktionsanalyse. Wir suchen dabei, nur mit unseren Augen und Händen „bewaffnet“, nach Form- und Funktionsstörungen im Kraniomandibulären System, die uns Rückschlüsse auf bestehende funktionelle Belastungen durch Bruxismus erlauben. Wir meinen, dass nur die enorm hohen Kräfte beim Zähneknirschen ausreichend sind, um die regulative und adaptive Kapazität der Gewebe der Kiefergelenke zu überlasten und zu Gelenkschmerzen zu führen. Die funktionellen Kräfte beim Kauen, Schlucken, Sprechen und Atmen halten wir dagegen für zu gering, um die Regulations- und Adaptationskapazität der Kiefergelenke zu überlasten.

Klinische Zeichen für Bruxismus sind:

  • Funktionsstörungen der Mundöffnung (Asymmetrie, Einschränkung und/oder Gelenkgeräusche)
  • Druckschmerzen der Muskulatur (M. masseter, M. sternocleidomastoideus, Subokzipitalmuskulatur, M. trapezius)
  • Zahneindrücke in Zunge und Wange
  • Frontolaterale und/oder pro- und retrusive Schlifffacetten
  • Ausgeprägte Formstörungen im Sinne von Zahnfehlstellungen oder Kieferanomalien (Tiefbiss/Deckbiss, frontal oder seitlich offener Biss, frontaler oder seitlicher Kreuzbiss, einseitige oder beidseitige Distalokklusion)

Unsere Ausgangsfrage war: „Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen?“ Bezüglich der folgenden Posts über Befunderhebung und Therapie müssen wir diese Frage umformulieren: „Was müssen wir als Praktiker können?“ Hier meine Antwort darauf:

Die Klinische Form- und Funktionsanalyse ist ein schnelles und sicheres Verfahren, um Form- und Funktionsstörungen des Kraniomandibulären Systems zu identifizieren, die uns Hinweise auf vorliegende Belastungen durch Bruxismus geben. Ihre Ergebnisse im Sinne auffälliger Befunde genügen uns bereits, um therapeutische Maßnahmen zur Eliminierung bzw. Vermeidung dieser Belastungen auszulösen.

Im der nächsten Folge unserer Weblogserie (am 20. September) werde ich Ihnen in einem kleinen Exkurs meine Überlegungen zur Ätiologie, Befunderhebung und Behandlungsnotwendigkeit von Gelenkgeräuschen (vor allem Gelenkknacken) beschreiben.

Bis dahin alles Gute und herzliche Grüße

Ihr Erich Wühr

 

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