Mit ‘Anatomie’ getaggte Artikel

Seminar mit Professor Breul in München im Dezember 2012

Dienstag, 16. Oktober 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Dezember findet in München wieder ein interdisziplinäres Anatomie-Seminar mit Professor Breul statt. Ich hatte im letzten Jahr selbst Gelegenheit und das Vergnügen, an einem solchen Seminar teilzunehmen: Eine klare Vorstellung von den anatomisch-faszialen und physiologisch-funktionellen Zusammenhängen des Kraniomandibulären Systems innerhalb und außerhalb des Kraniums ist für unsere tägliche Arbeit am Patienten unerlässlich. Und Professor Breul vermittelt mit seiner langjährigen Lehrerfahrung dieses Wissen theoretisch abwechslungsreich und praktisch sehr anschaulich an „echten“ Präparaten.

Das Seminar wird vom Kollegen Hans May in seinen Nymphenburger Seminaren veranstaltet: Hier finden Sie weitere Informationen.

Viel Erfolg und liebe Grüße an Sie alle
Ihr Erich Wühr

Die anatomischen Strukturen der Kiefergelenke

Dienstag, 07. Juni 2011

Die Kiefergelenke ermöglichen die Bewegungen des Unterkiefers gegenüber den Schläfenbeinen (Ossa temporalia). Die Schläfenbeine bilden die Gelenkgruben (Fossae glenoidales), der Unterkiefer die Gelenkköpfe (Kondylen). Der Unterkiefer verbindet beide Gelenke zu einer funktionellen Einheit: Die beiden Kiefergelenke können nicht unabhängig voneinander funktionieren.

Es wir nach wie vor viel darüber diskutiert, welche Stellung die Kondylen in den Fossae bei maximaler Verzahnung (also beim Schlucken) einnehmen sollen. Diese Lagebeziehung wird zentrische Relation genannt. In einem späteren Beitrag werde ich meine Meinung dazu beschreiben.

Die Oberfläche der Gelenkgruben und die Oberfläche der Gelenkköpfe bestehen im Gegensatz zu den meisten anderen Gelenkflächen des Bewegungssystems nicht aus hyalinem Knorpel, sondern aus Faserknorpel. Dies ist Knorpelgewebe, das sehr stark mit kollagenen Fasern durchsetzt ist – ein Zeichen dafür, dass diese Strukturen hohen Zugspannungen und vor allem Kompressionsbelastungen ausgesetzt sind.

Faserknorpel finden wir im Körper nahezu überall, wo Ligamente oder Gelenkkapseln an Knochen ansetzen: Kollagenes Bindegewebe geht kontinuierlich in Faserknorpel und dann in Knochengewebe über. Auch die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern bestehen aus Faserknorpel.

Im Kiefergelenk sitzt zwischen der Fossa und dem Kondylus eine weitere Faserknorpelstruktur – der Discus articularis des Kiefergelenks. Sein Gewebe ist kollagenem Bindegewebe ähnlicher als normalem hyalinen Gelenkknorpel. Er teilt das Kiefergelenk in zwei funktionelle Gelenke: Zwischen Diskus und Fossa ist der obere Teil ein Gleitgelenk, zwischen Diskus und Kondylus ist der untere Teil ein Drehgelenk (Rotationsgelenk).

Der Diskus ist nicht, wie in vielen schematischen Abbildungen dargestellt, eine von anderen Strukturen isolierte, knorpelige „Kappe“ des Kondylus. Er ist vielmehr intensiv vernetzt mit den anderen Strukturen des Kiefergelenks: Nach ventral geht der Faserknorpel des Diskus über in die Sehne des Oberbauchs des M. pterygoideus lateralis, nach dorsal in die sogenannte bilaminäre Zone. Dies sind zwei Stränge (Laminae) aus kollagenem Bindegewebe. Die obere Lamina setzt dorsal an der gleichen Stelle des Os temporale an wie die Gelenkkapsel des Kiefergelenks, die untere Lamina zusammen mit der Gelenkkapsel am Kondylus. Medial und lateral ist der Diskus am Kondylus befestigt, und zwar an der gleichen Stelle wie die Gelenkkapsel.

Die Gelenkkapsel verbindet das Schläfenbein und den Kondylus und umgibt das Kiefergelenk zirkulär mit Ausnahme der Stelle, an der der obere Bauch des M. pterygoideus lateralis die Kapsel durchtritt. Lateral ist die Gelenkkapsel durch ein Ligamentum laterale verstärkt, medial durch das so genannte Tanaka-Ligament. Dieses Ligament wird manchmal auch als eigenständiges Ligament dargestellt, das innerhalb der Gelenkkapsel liegt und unabhängig von der Gelenkkapsel zum Schläfenbein zieht.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Alle beschriebenen bindegewebigen Übergänge und Anheftungen sind kontinuierlich und ohne genau bestimmbare Demarkation zwischen den einzeln benannten Strukturen. Somit bestehen die Kiefergelenke aus miteinander vernetzten und verbundenen Bindegewebsstrukturen, die eine funktionelle Einheit bilden: Funktionsbedingte oder traumatische Formveränderungen einer Struktur werden immer auch die Form und Funktion der vernetzten Strukturen beeinflussen.

Wichtig: In allen diesen bindegewebigen Strukturen der Kiefergelenke sind (wie überall im Bindegewebe) Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) lokalisiert. Bei übermäßigen Druck- und Zugbelastungen können die Bindegewebe mit Entzündungen reagieren und nozizeptive Schmerzempfindungen auslösen.

Im nächsten Beitrag werden wir über die muskulären Kräfte sprechen, die auf das Kiefergelenk und seine Strukturen wirken, und was dies Form und Funktion der Kiefergelenke bedeutet.
Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr