Mit ‘externe Kräfte’ getaggte Artikel

Therapie: Eliminierung belastender funktioneller und belastender externer Kräfte

Dienstag, 29. November 2011

Wir erinnern uns:

Die regulative, regenerative, adaptative und kompensatorische Kapazität der Bindegewebe der Kiefergelenke ist groß: Auch bei ausgeprägten Gewebeveränderungen können die Gelenke hinreichend und symptomfrei funktionieren. Das bedeutet, dass nicht jede strukturelle und funktionelle Störung in den Kiefergelenken behandelt werden muss. Wenn wir uns aufgrund eines Patientenanliegens, rezidivierender  Kieferklemme oder Kiefersperre, vor umfangreichen restaurativen und/oder prothetischen Sanierungen oder bei Muskel- und Gelenkschmerzen dazu entschließen, Form- und Funktionsstörungen der Kiefergelenke zu behandeln, dann müssen wir zuallererst belastende funktionelle und belastende externe Kräfte mit Hilfe der klinischen, instrumentellen und bildgebenden Form- und Funktionsanalyse sowie der Haltungs- und Bewegungsanalyse identifizieren und eliminieren. Die Eliminierung der Belastungen ist unbedingt notwendig, um Form und Funktion der Kiefergelenke nachhaltig wiederherzustellen.

Eliminierung belastender funktioneller Kräfte

Wir erachten von allen funktionellen Kräften im kraniomandibulären System nur die Kräfte, die beim Knirschen und Pressen mit den Zähnen (Bruxismus) auftreten, als potenziell belastend für die Kiefergelenke. Um diese enorm hohen Kräfte (bis zu 300 kp sind im Bereich der Okklusion gemessen worden) zu vermeiden, nutzen wir den Reflex, dass der N. trigeminus die Kraftentfaltung in der Kaumuskulatur auf 1 bis 3 kp reduziert, wenn nur die unteren Frontzähne Kontakt haben. Wir tun dies mit einer so genannten Jig-Schiene. Grundlegend zur Vermeidung hoher Kräfte beim Bruxismus ist allerdings der angemessene Umgang mit Stress. Deshalb absolvieren unsere Patienten begleitend zur Jig-Schienen-Therapie ein Stress-Management-Training bei unserem Psychologen oder in eigener Verantwortung ein Entspannungstraining.

Eliminierung belastender externer Kräfte

Belastende externe Kräfte sind dysfunktionelle Kräfte, die aus dem Fasziensystem auf die Kiefergelenke wirken. Sie werden von den Orthopäden, Physiotherapeuten, Osteopathen und anderen Experten in unserem interdisziplinären Netzwerk eliminiert, indem sie Körperfehlhaltungen und Beweglichkeitseinschränkungen behandeln. Besonders bewährt hat sich dabei in unseren Händen die Matrix-Rhythmus-Therapie. Sie behandelt Prozessstörungen auf zellbiologischer Ebene (akute und chronische Entzündungen) und stellt Form und Funktion belasteter Bindegewebsbereiche wieder her.

Zusätzlich muss bei vielen Patienten die Gleichgewichtsregulation durch optometrische Maßnahmen (Augenmuskelübungen und Prismenbrillen) und durch propriozeptive Einlagesohlen verbessert werden.

Alle diese Maßnahmen zur Normalisierung der externen Kräfte, die auf die Kiefergelenke wirken, führen in der Regel dazu, dass die Schläfenbeine ihre Position innerhalb des Gefüges der Schädelknochen ebenso verändern wie der Unterkiefer seine relative Lage zum Oberkiefer. In der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse in einen Artikulator sehen wir dann eine Abweichung der vorbehandelten Unterkieferposition von der habituellen Interkuspidation, die mehrere Millimeter betragen kann. Diese Unterkieferlage muss durch eine Aufbissschiene oder andere Maßnahmen (restaurativ, prothetisch, kieferorthopädisch, Einschleifen) dauerhaft stabilisiert werden.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf: In der Therapie ist die dauerhafte Eliminierung belastender externer und funktioneller Kräfte unbedingte Voraussetzung dafür, dass daran anschließend Form und Funktion der Kiefergelenke wiederhergestellt werden können. Letzteres werde ich im nächsten und abschließenden Post unserer Weblog-Serie über die Kiefergelenke beschreiben.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Identifizierung belastender externer Kräfte

Dienstag, 15. November 2011

Externe Kräfte, die auf die Strukturen der Kiefergelenke wirken, nennen wir diejenigen Kräfte, die mit ihren eigentlichen Bewegungsfunktionen nichts zu tun haben. Sie wirken sich auf die räumliche Lage des Unterkiefers und der beiden Schläfenbeine aus sowie auf die Lagebeziehung dieser drei Knochen zueinander: Auf die Schläfenbeine wirken muskuläre, ligamentäre und durale Kräfte. Auf den Unterkiefer wirken die Kräfte der ansetzenden Muskeln: Kaumuskeln sowie supra- und infrahyoidale Muskeln. Insgesamt können wir sagen, dass die Kiefergelenke Teile des Fasziensystems sind und sich Kräfte aus dem Fasziensystem auf die Kiefergelenke übertragen.

Dysfunktionelle Kräfte im Fasziensystem äußern sich als Köperfehlhaltungen (Formstörungen) und Beweglichkeitseinschränkungen (Funktionsstörungen). Als Zahnärzte und Kieferorthopäden sollten wir in der Lage sein, mit einfachen Methoden der Haltungs- und Bewegungsanalyse Hinweise auf Form- und Funktionsstörungen des Fasziensystems zu erkennen und vertiefende Untersuchungen (und Behandlungen) bei Orthopäden, Physiotherapeuten oder Osteopathen in unserem interdisziplinären Netzwerk auszulösen. Wir haben in der sogenannten Posturalen Grunduntersuchung solche einfachen Methoden zusammengefasst und in einem Videovortrag dargestellt, den sie sich anschauen können, wenn Sie hier anklicken.

In den beiden letzten Posts unserer Weblogserie über das Kiefergelenk werden wir besprechen, wie wir belastende funktionelle und externe Kräfte eliminieren und anschließend Form und Funktion der Kiefergelenke wiederherstellen können.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Kräfte, die auf die Kiefergelenke wirken

Dienstag, 21. Juni 2011

Die funktionellen Kräfte, die auf die einzelnen Strukturen der Kiefergelenke wirken, habe ich bereits in meinem ersten Beitrag über die Bewegungsfunktionen beschrieben: Beim Kauen 1 bis 3 kp (Kilopond), beim Schlucken 5 p (Pond) und beim Knirschen und Pressen enorm hohe okklusale Kräfte von bis zu 300 Kilopond. Diese Kräfte müssen von den beteiligten Geweben reguliert, adaptiert und kompensiert werden, indem sie episodisch oder dauerhaft ihre Form anpassen.

Bevor wir uns damit beschäftigen, welche externen Kräfte auf die Strukturen der Kiefergelenke wirken, müssen wir uns noch eine wichtige Tatsache in Erinnerung rufen: Schädelknochen bleiben zeitlebens in den Suturen gegeneinander beweglich. Suturen verknöchern normalerweise nie. Wenn doch, dann liegt eine Pathologie vor. Suturen bleiben zeitlebens bindegewebige Gelenke (Syndesmosen bzw. Synchondrosen). Die Beweglichkeit in diesen Gelenken ist sehr gering. In der Summe der Beweglichkeit aller Schädelsuturen jedoch können sich auf Dauer Lageveränderungen im Gefüge der Schädelknochen ergeben, die im Bereich mehrerer Millimeter messbar sind. Also: Nicht nur der Unterkiefer ist beweglich, auch die Schläfenbeine (Ossa temporalia) sind in ihrer räumlichen Lage nicht stabil, sondern (in geringem Maße) beweglich.

Externe Kräfte, die auf die Strukturen der Kiefergelenke wirken, nenne ich diejenigen Kräfte, die mit ihren eigentlichen Bewegungsfunktionen nichts zu tun haben. Sie wirken sich auf die räumliche Lage des Unterkiefers und der beiden Schläfenbeine aus sowie auf die Lagebeziehung dieser drei Knochen zueinander:

Auf die Schläfenbeine wirken muskuläre Kräfte, ligamentäre und durale Kräfte.

Muskulär wird die räumliche Lage eines Schläfenbeins im Gefüge der Schädelknochen beeinflusst
• durch den M. sternocleidomastoideus, der hinter dem Ohr am Processus mastoideus ansetzt, und den M. masseter, der am Jochbein ansetzt. Wenn einer dieser beiden hyperton ist, wird das Schläfenbein nach innen bzw. außen rotiert.
• indirekt durch den M. temporalis. Dieser Muskel setzt nicht am Schläfenbein an, sondern am Scheitelbein (Os parietale). Bei Hypertonie dieses Muskels wird die Sutura parietosquamosa zwischen Scheitelbein und Schläfenbein belastet, und das Scheitelbein hat die Tendenz, sich unter das Schläfenbein zu schieben.

Ligamentär wird die räumliche Lage eines Schläfenbeins durch das Ligamentum stylomandibulare beeinflusst. Intrakraniell setzt die Dura als Tentorium cerebelli an der Pars petrosa des Schläfenbeins sowie an seiner Innenfläche an. Kräfte aus Duraverspannungen, zum Beispiel aus der Wirbelsäule (Bandscheiben!) oder von anderen Schädelknochen, können sich somit auf die Lage der Schläfenbeine auswirken.

Jede Lageveränderung der Schläfenbeine durch muskuläre Kräfte sowie durch ligamentär und dural übertragene Kräfte bedeutet auch eine Lageveränderung der Fossa glenoidalis und damit eine Irritation oder Belastung der Gewebe in den Kiefergelenken. Diese werden sich episodisch oder dauerhaft an diese Einflüsse anpassen.

Die räumliche Lage des Unterkiefers ist abhängig vom Tonus der ansetzenden Muskeln. Der Tonus der Kaumuskeln wird maßgeblich von der Okklusion bestimmt: Die Kräfte, die beim Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen an der Okklusalfläche der Zähne wirksam sind, werden von den Rezeptoren in den Zahnhalteapparaten und damit von den Afferenzen des Nervus trigeminus registriert. Efferent wird aufgrund dieses Inputs der Tonus der Kaumuskulatur gesteuert. Zahnfehlstellungen, Kieferanomalien und iatrogene Formveränderungen an den Kauflächen der Zähne führen zu Ungleichgewichten im Tonus der Kaumuskeln und damit zu Lageveränderungen des Unterkiefers.

Neben den Kaumuskeln beeinflussen die Spannungszustände der suprahyalen und in der Fortsetzung der infrahyalen Muskeln sowie der Muskeln des Rachenraums die räumliche Lage des Unterkiefers.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Die Gewebe der Kiefergelenke sind durch ihre Bewegungsfunktionen und ihre anatomische Vernetzung mit anderen Bewegungssystemen vielfältigen funktionellen bzw. externen Kräften ausgesetzt. Sie müssen diese Kräfte regulieren, adaptieren und kompensieren, indem sie episodisch oder dauerhaft ihre Form anpassen.

In meinem nächsten Beitrag werde ich beschreiben, mit welchen Form- und damit Funktionsveränderungen die Gewebe der Kiefergelenke auf funktionelle und externe Kräfte reagieren können.
Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr