Mit ‘Gleichgewichtsregulation’ getaggte Artikel

Propriozeptiver Input für die Gleichgewichtsregulation

Mittwoch, 14. März 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

von den drei pathogenetischen Wegen, wie sich okklusale Formstörungen belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems auswirken können, habe ich im letzten Weblog-Post den Bruxismus beschrieben. Heute geht es um die Bedeutung der Okklusion für die Gleichgewichtsregulation.

Obwohl die hohen Kräfte beim Bruxismus meiner Meinung nach die wichtigste Rolle spielen, dürfen wir auch die Bedeutung okklusal bedingter Afferenzen für die Gleichgewichtsregulation nicht außer Acht lassen.

Die Gleichgewichtsregulation ist eine Funktion des Kleinhirns (Zerebellum). Ziel ist, das Gleichgewicht des Körpers im Schwerkraftfeld der Erde permanent zu halten. Das Ergebnis der Gleichgewichtsregulation ist also die Körperhaltung.

Dabei funktioniert das Kleinhirn wie Computer: Es bekommt Input (Afferenzen) aus dem Auge (Netzhaut), dem Innenohr (Bogengänge und Schnecke), den Propriozeptoren der Kopfgelenkmuskeln (Tractus cuneocerebellaris), den Propriozeptoren der Muskeln, Ligamente und Gelenkkapseln der gesamten Stützmuskulatur (vor allem der Fußgewölbemuskeln) und aus den Rezeptoren des Kausystems. Letztere melden okklusale Kontakte über trigeminozerebellare Projektionen an das Kleinhirn. Auch propriozeptiver Input aus den Kaumuskeln und aus den Kiefergelenken wird über diese Projektion an das Kleinhirn gemeldet. Das Kleinhirn verrechnet nun all diese Inputs und steuert entsprechend die Stützmuskulatur, wobei diese Steuerungsimpulse auch in alle bewusst und unterbewusst intendierten Bewegungsimpulse des Endhirn eingehen.

Warum geht propriozeptiver Input aus dem Kausystem in die Gleichgewichtregulation ein? Ich habe zwei Vermutungen:

Meine erste Hypothese ist, dass phylogenetisch betrachtet das Kausystem auch Kampf- und Beutefassorgan war. Und diese Funktionen brauchen eine enge Abstimmung mit den anderen Bewegungssystemen, die durch die Verbindungen zum Kleinhirn gewährleistet ist.

Meine zweite Hypothese ist, dass die maximale Interkuspidation beim Schlucken der Gleichgewichtsregulation regelmäßig eine eindeutige kalibrierende Nullposition bietet: Ähnlich einem Industrieroboter, der regelmäßig seine Nullposition einnehmen muss, um eine Anhäufung von Fehlern zu vermeiden, könnte es sein, dass auch das Kleinhirn in der Regulierung des Gleichgewichts eine solche Nullposition braucht. Diese Zusammenhänge würden auch erklären, warum Menschen die Zähne zusammenbeissen, wenn sie größere Kräfte entfalten wollen, zum Beispiel beim Heben schwerer Gegenstände. Mit zusammengebissenen Zähnen ist es leichter, das Gleichgewicht zu halten.

Nach den hohen Kräften beim Knirschen ist dies also der zweite pathogenetische Weg, wie okklusale Formstörungen Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystems belasten und zu myofaszialen Schmerzen führen können: Okklusale Formstörungen können zu Körperfehlhaltungen führen bzw. dazu beitragen und entsprechende Muskel- und Gelenkbelastungen auslösen.

Im nächsten Weblog-Post beschreibe ich den dritten pathogenetischen Weg: Die Zwanghafte okklusale Vigilanz.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

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Okklusionsstörungen

Mittwoch, 01. Februar 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Okklusionsstörungen sind Formstörungen der Kau- und Führungsflächen von Zähnen. Sie entstehen aufgrund von

  • Zahnfehlstellungen
  • Dysgnathien
  • Zahnformanomalien
  • Zahnzahlanomalien
  • iatrogen durch restaurative und/oder prothetische Maßnahmen
  • iatrogen durch kieferorthopädische Maßnahmen
  • iatrogen durch chirurgische Maßnahmen

Als Formstörungen belasten Okklusionsstörungen unmittelbar die Funktionen des Kraniomandibulären Systems. Diese Funktionen sind Kauen, Schlucken, Sprechen, Atmen sowie Knirschen und Pressen. Bei den Funktionen Kauen, Schlucken, Sprechen und Atmen wirken so geringe Muskelkräfte, dass die entsprechenden funktionellen Belastungen innerhalb und außerhalb des Kausystems in der Regel leicht adaptiert bzw. kompensiert werden können und nicht zu Symptomen führen. Beim Knirschen und Pressen (vor allem nächtlichem Bruxismus) entstehen allerdings so hohe Kräfte, dass die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden können.

Okklusionsstörungen sind also nicht unbedingt und von vornherein behandlungswürdig. Erst wenn hohe Muskelkräfte beim Knirschen und Pressen einwirken, können die beteiligten Gewebe innerhalb und außerhalb des Kausystems überlastet und schmerzhaft werden. Dies ist in der Praxis der wichtigste und häufigste pathogenetische Weg, wie Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystem führen können. Darüber hinaus gibt es aber noch zwei weitere Wege:

  • Okklusionsstörungen können die Gleichgewichtsregulation und damit die Körperhaltung negativ beeinflussen.
  • Zwanghafte Patienten können vigilant werden. Das heißt: Sie fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf die Okklusion und aktivieren permanent ihre Kaumuskulatur, um ihre Zahnkontakte zu überprüfen. Sie verlernen, die Ruhelage des Unterkiefers einzunehmen. Sie verlernen, dass „der richtige Biss KEIN Biss ist“.

In den nächsten drei Weblog-Posts werde ich diese drei Möglichkeiten beschreiben, wie aus meiner Sicht Okklusionsstörungen zu Muskel- und Gelenkschmerzen führen können:

  • Bruxismus
  • Propriozeptiver Input für die Gleichgewichtsregulation
  • Zwanghafte okklusale Vigilanz

Herzliche Grüße und alles Gute
Ihr Erich Wühr

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