Mit ‘Kaumuskulatur’ getaggte Artikel

Okklusionsdiagnostik

Mittwoch, 25. April 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in unserer Weblog-Serie über die Okklusion komme ich heute zur Okklusionsdiagnostik. Sie ist sowohl Teil der Klinischen als auch der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse des Kraniomandibulären Systems.

Innerhalb der Klinischen Form- und Funktionsanalyse beurteilen wir die Okklusion direkt am Patienten:

  • Als Erstes zählen wir die Zähne: Fehlende Zähne, die nicht adäquat ersetzt sind, bedeuten häufig Störungen der Okklusion, zum Beispiel: Kippungen und Elongationen von Nachbar- bzw. Gegenzähnen, Nichtanlagen mit (oft unvollständigem) kieferorthopädischem Lückenschluss, kieferorthopädische Extraktionstherapie, asymmetrische Zahnbögen durch einseitige Zahnextraktionen.
  • Dann beurteilen wir, ob ausgeprägte intramaxilläre und intermaxilläre Okklusionsstörungen vorliegen: Tiefbiss/Deckbiss, frontal und seitlich offener Biss, frontaler und seitlicher Kreuzbiss, transversale Unterentwicklung der Zahnbögen, Engstände im Front- und Seitenzahnbereich sowie ein- und beidseitige Distalokklusion. Dies sind meiner Meinung nach Formstörungen, über die sich Bruxismus besonders belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystem auswirken kann.
  • Schließlich überprüfen wir mit verschiedenfarbigen Okklusionsfolien die statischen bzw. dynamischen Kontaktmuster der habituellen Okklusion. Auffällige Befunde sind fehlende zentrische Kontakte, protrusive, retrusive, mediotrusive und laterotrusive Schlifffacetten an Seitenzähnen bei fehlender Eckzahnführung sowie frontolaterale Schlifffacetten an den Front- und Eckzähnen.
  • Die zentrische Okklusion können wir meiner Meinung nach klinisch nicht eindeutig beurteilen, weil dazu eine lokale und physiotherapeutische Vorbehandlung notwendig ist. Außerdem ist eine vorbehandelte zentrische Unterkieferrelation nur in einem Artikulator eindeutig reproduzierbar.

Nach den gleichen Kriterien beurteilen wir die Okklusion innerhalb der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse. Allerdings sind dabei Gipsmodelle in einer physiotherapeutisch vorbehandelten zentrischen Position in einen Artikulator montiert. Dadurch ist es uns zusätzlich möglich, zentrische Vorkontakte zu identifizieren. Mein Vorgehen bei der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse habe ich schon in früheren Weblog-Posts beschrieben. Nur nach einer solchen instrumentellen Okklusionsanalyse ist die Planung einer definitiven und umfassenden Okklusionstherapie sinnvoll.

Im nächsten Weblog-Post will ich Ihnen vorstellen, mit welchem Okklusionskonzept ich arbeite.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

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Kräfte, die auf die Kiefergelenke wirken

Dienstag, 21. Juni 2011

Die funktionellen Kräfte, die auf die einzelnen Strukturen der Kiefergelenke wirken, habe ich bereits in meinem ersten Beitrag über die Bewegungsfunktionen beschrieben: Beim Kauen 1 bis 3 kp (Kilopond), beim Schlucken 5 p (Pond) und beim Knirschen und Pressen enorm hohe okklusale Kräfte von bis zu 300 Kilopond. Diese Kräfte müssen von den beteiligten Geweben reguliert, adaptiert und kompensiert werden, indem sie episodisch oder dauerhaft ihre Form anpassen.

Bevor wir uns damit beschäftigen, welche externen Kräfte auf die Strukturen der Kiefergelenke wirken, müssen wir uns noch eine wichtige Tatsache in Erinnerung rufen: Schädelknochen bleiben zeitlebens in den Suturen gegeneinander beweglich. Suturen verknöchern normalerweise nie. Wenn doch, dann liegt eine Pathologie vor. Suturen bleiben zeitlebens bindegewebige Gelenke (Syndesmosen bzw. Synchondrosen). Die Beweglichkeit in diesen Gelenken ist sehr gering. In der Summe der Beweglichkeit aller Schädelsuturen jedoch können sich auf Dauer Lageveränderungen im Gefüge der Schädelknochen ergeben, die im Bereich mehrerer Millimeter messbar sind. Also: Nicht nur der Unterkiefer ist beweglich, auch die Schläfenbeine (Ossa temporalia) sind in ihrer räumlichen Lage nicht stabil, sondern (in geringem Maße) beweglich.

Externe Kräfte, die auf die Strukturen der Kiefergelenke wirken, nenne ich diejenigen Kräfte, die mit ihren eigentlichen Bewegungsfunktionen nichts zu tun haben. Sie wirken sich auf die räumliche Lage des Unterkiefers und der beiden Schläfenbeine aus sowie auf die Lagebeziehung dieser drei Knochen zueinander:

Auf die Schläfenbeine wirken muskuläre Kräfte, ligamentäre und durale Kräfte.

Muskulär wird die räumliche Lage eines Schläfenbeins im Gefüge der Schädelknochen beeinflusst
• durch den M. sternocleidomastoideus, der hinter dem Ohr am Processus mastoideus ansetzt, und den M. masseter, der am Jochbein ansetzt. Wenn einer dieser beiden hyperton ist, wird das Schläfenbein nach innen bzw. außen rotiert.
• indirekt durch den M. temporalis. Dieser Muskel setzt nicht am Schläfenbein an, sondern am Scheitelbein (Os parietale). Bei Hypertonie dieses Muskels wird die Sutura parietosquamosa zwischen Scheitelbein und Schläfenbein belastet, und das Scheitelbein hat die Tendenz, sich unter das Schläfenbein zu schieben.

Ligamentär wird die räumliche Lage eines Schläfenbeins durch das Ligamentum stylomandibulare beeinflusst. Intrakraniell setzt die Dura als Tentorium cerebelli an der Pars petrosa des Schläfenbeins sowie an seiner Innenfläche an. Kräfte aus Duraverspannungen, zum Beispiel aus der Wirbelsäule (Bandscheiben!) oder von anderen Schädelknochen, können sich somit auf die Lage der Schläfenbeine auswirken.

Jede Lageveränderung der Schläfenbeine durch muskuläre Kräfte sowie durch ligamentär und dural übertragene Kräfte bedeutet auch eine Lageveränderung der Fossa glenoidalis und damit eine Irritation oder Belastung der Gewebe in den Kiefergelenken. Diese werden sich episodisch oder dauerhaft an diese Einflüsse anpassen.

Die räumliche Lage des Unterkiefers ist abhängig vom Tonus der ansetzenden Muskeln. Der Tonus der Kaumuskeln wird maßgeblich von der Okklusion bestimmt: Die Kräfte, die beim Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen an der Okklusalfläche der Zähne wirksam sind, werden von den Rezeptoren in den Zahnhalteapparaten und damit von den Afferenzen des Nervus trigeminus registriert. Efferent wird aufgrund dieses Inputs der Tonus der Kaumuskulatur gesteuert. Zahnfehlstellungen, Kieferanomalien und iatrogene Formveränderungen an den Kauflächen der Zähne führen zu Ungleichgewichten im Tonus der Kaumuskeln und damit zu Lageveränderungen des Unterkiefers.

Neben den Kaumuskeln beeinflussen die Spannungszustände der suprahyalen und in der Fortsetzung der infrahyalen Muskeln sowie der Muskeln des Rachenraums die räumliche Lage des Unterkiefers.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine Antwort darauf:

Die Gewebe der Kiefergelenke sind durch ihre Bewegungsfunktionen und ihre anatomische Vernetzung mit anderen Bewegungssystemen vielfältigen funktionellen bzw. externen Kräften ausgesetzt. Sie müssen diese Kräfte regulieren, adaptieren und kompensieren, indem sie episodisch oder dauerhaft ihre Form anpassen.

In meinem nächsten Beitrag werde ich beschreiben, mit welchen Form- und damit Funktionsveränderungen die Gewebe der Kiefergelenke auf funktionelle und externe Kräfte reagieren können.
Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr