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Funktionelle Anatomie des Augenmuskelsystems

Mittwoch, 05. September 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die sieben Augenmuskeln sind Skelettmuskeln. Sie setzen an den Orbitalknochen und am Augapfel an und bewegen diesen in alle möglichen Blickrichtungen. Dazu steuert das Sehzentrum die Augenmuskeln über drei verschiedene Hirnnerven: Nervus oculomotorius (Hirnnerv III), Nervus trochlearis (Hirnnerv IV) und Nervus abducens (Hirnnerv VI). Die Sehachsen der beiden Augen werden dabei immer auf das angeblickte Objekt gerichtet: Ist dieses mehr als sechs Meter entfernt, werden die Sehachsen parallel gehalten; ist es weniger als sechs Meter weit entfernt, werden die Sehachsen konvergierend gehalten. Wenn es nicht gelingt, beide Sehachsen auf das gleiche Objekt zu richten, so sieht das Gehirn Doppelbilder.

[Orbitalsystem von lateral, Quelle: Wikipedia]

[Orbitalsystem von kranial, Quelle: Wikipedia]

Die anatomisch-funktionellen Zusammenhänge des Kraniomandibulären Systems mit dem Augenmuskelsystem sind einfach zu erklären:

Zum einen bilden die Oberkieferknochen den Boden der Orbita, und funktionelle Kräfte aus dem Kausystem (vor allem hohe Kräfte beim Knirschen und Pressen mit den Zähnen) können belastend auf die Strukturen und damit auf die Funktionen der orbitalen Systeme wirken. Wir haben schon als (beiläufiges) Ergebnis einer kieferorthopädischen Behandlung Verbesserungen der Seeschärfe von 3,5 auf 0 Dioptrien beobachtet. Es ist also sogar denkbar, dass Form und Funktion des Kausystems nicht nur auf die Augenmuskelfunktionen wirken, sondern auch auf die Form des Augapfels und damit auf die Sehschärfe selbst.

Zum anderen bestehen sehr wahrscheinlich neurophysiologische Verbindungen zwischen dem Nervus trigeminus (Hirnnerv V) und den Augenmuskelnerven (Hirnnerven III, IV und VI). Die Hirnnerven sind entsprechend der Lage ihrer Kerne im Hirnstamm von kranial nach kaudal durchnummeriert. Der N. trigeminus liegt also zwischen den Augenmuskelnerven. Für mich ist es naheliegend, dass er synaptisch mit ihnen vernetzt ist. Ich nehme stark an: Afferenzen aus dem Trigeminus (Zahnhalteapparat/Okklusion, Kaumuskeln, Kiefergelenke) beeinflussen die Augenmuskeln und umgekehrt.

Erwähnenswert sind auch die synchronen Funktionen von Augenmuskeln und den Hals- und Nackenmuskeln: Die Hals-Nacken-Muskeln halten den Kopf immer in die gewünschte Blickrichtung. Es ist sehr schwierig, den Kopf in die eine Richtung drehen, während man in die andere Richtung blickt. Versuchen Sie es selbst!

In drei Wochen werde ich über die Ätiologie und Pathogenese von Augenmuskeldysfunktionen berichten.

Bis dahin alles Gute und herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr