Mit ‘Pressen’ getaggte Artikel

Ätiologie und Pathogenese von Dysphorien

Mittwoch, 26. September 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Augenmuskeln sind Skelettmuskeln und somit können sie, wie alle anderen Muskeln auch, Mikrokontrakturen bilden. Pathohistochemisch sind Mikrokontrakturen chronische Entzündungen. Sie sind vor allem gekennzeichnet durch Mikrozirkulationsstörungen, die Sauerstoffmangel, dadurch ATP-Mangel, dadurch Azidose und letztendlich Schmerzen bewirken. Klinische zeigen sich Verhärtungen (Myogelosen), Beweglichkeitseinschränkungen und Fehlhaltungen. Verursacht werden solche chronischen Entzündungen durch

  • mechanische Belastungen (bei Augenmuskeln vor allem hohe Kräfte beim nächtlichen Knirschen und Pressen, aber auch andere Muskelkräfte, die auf die Orbita übertragen werden, sowie traumatische Kräfte, zum Beispiel Geburtstrauma),
  • chemische Belastungen (zum Beispiel Umweltbelastungen),
  • psycho-emotionale Belastungen (Stichwort: neurogene Entzündung) und/oder
  • physiologische Belastungen (zum Beispiel: Neuropathien der drei Augenmuskelnerven oder Elektro-Smog).

Wenn nun ein Augenmuskel solche Mikrokontrakturen aufweist, gerät das fein aufeinander abgestimmte Zusammenwirken der 14 Augenmuskeln durcheinander: Der kontrahierte Muskel zieht natürlich den Augapfel in seine Funktionsrichtung mit der Folge voneinander abweichender Sehachsen (siehe Abbildung). Das Gehirn würde Doppelbilder sehen. Diesen Zustand vermeidet es, indem es durch Kontraktion der Antagonisten die Sehachsen wieder synchronisiert. Diese Kompensation bedeutet ihrerseits eine Störung, die wiederum kompensiert werden muss und so weiter. Im Laufe der Zeit wird der Kompensationsaufwand immer größer. Die Augenmuskulatur ermüdet leichter und dekompensiert immer wieder, was sich in den Symptomen und Befunden einer Dysphorie (= Winkelfehlsichtigkeit) äussert (siehe nächster Weblog-Post). Schließlich beginnt sie sogar zu schmerzen: Schmerzen hinter den Augen und/oder Schmerzen um die Orbita herum.

Es wäre nun ein Fehler, wenn die Winkelfehlsichtigkeit ausschließlich optometrisch korrigiert werden würde: Zuerst müssen die belastenden Ursachen beseitigt werden; dann müssen die Augenmuskeln physiotherapeutisch behandelt werden; diese Behandlung muss durch Augenmuskelübungen (Visualtraining) unterstützt werden. Was dann noch an Fehlfunktion übrig bleibt, kann mit einer optometrischen Brille (Prismenbrille) korrigiert werden. Dazu werde ich in einem späteren Weblog-Post berichten.

Im nächsten Post in drei Wochen werde ich Ihnen die Befunde und Symptome einer Dysphorie vorstellen. Daran werden Sie erkennen, wenn Ihre Patienten an einer Winkelfehlsichtigkeit leiden.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Die Bewegungsfunktionen der Kiefergelenke

Dienstag, 24. Mai 2011

Die Bewegungsfunktionen des Kausystems sind Kauen, Schlucken, Knirschen und Pressen sowie Sprechen. Diese Bewegungen werden durch die Kaumuskulatur und die mimische Muskulatur sowie die Mundboden-, Hals- und Nackenmuskulatur ausgeführt. Die neurale Steuerung dieser Muskeln geht aus von den motorischen Anteilen der Hirnnerven N. trigeminus (V), N. fazialis (VII), N. glossopharyngeus (IX), N. accesorius (XI) und N. hypoglossus (XII) sowie der zervikalen Spinalnerven. Die Kiefergelenke führen die Bewegungen des Unterkiefers (Mandibula) gegenüber dem Schädel , genauer gesagt: gegenüber den Schläfenbeinen (Ossa temporalia).

Bei diesen Bewegungen werden die Strukturen des Kiefergelenks belastet. Die Belastungen sind bei den einzelnen Funktionen sehr unterschiedlich.

Ruheschwebelage: Die so genannte Ruheschwebelage können wir als den Ausgangspunkt aller Unterkieferbewegungen betrachten, denn diese Ruhelage ist der „Normalzustand“ des Kausystems: Der Unterkiefer wird bei einem Muskeltonus mit minimalem Energieverbrauch so gehalten, dass die Unterkieferzahnreihe 2 bis 4 Millimeter von der Oberkieferzahnreihe entfernt ist. Die Kiefergelenke sind nicht belastet.

Kauen: Beim Kauen wird zunächst der Mund geöffnet, dann der Unterkiefer zur Kauseite hin verschoben, indem der Kondylus der Gegenseite nach vorne gleitet, und schließlich der Mund in Richtung der maximalen Verzahnung (Interkuspidation) geschlossen. Die Schließbewegung erfolgt entlang der Eckzahnführung, ohne dass dabei Zahnkontakt auftritt. Bei der Schließbewegung wird der Speisebolus zerkleinert: Je nach Konsistenz der Nahrung entfaltet die Schließmuskulatur eine Kraft von 1 bis 3 Kilo (1-3 kp = 10 bis 30 N). Diese Kraft ist auch in den Kiefergelenken experimentell gemessen worden. Der Oberkiefer wird von der Hals- und Nackenmuskulatur statisch dagegengehalten. Am Ende der Schließbewegung entsteht kein Zahnkontakt. Kurz davor (10m) wird der Mund wieder geöffnet. Ein neuer Kauzyklus beginnt. (Das Abbeißen erfolgt analog zum Kauen mit dem gleichen Kraftaufwand, allerdings ohne oder nur mit geringer Seitverschiebung.)

Schlucken: Das Schlucken ist eine Bewegungsfunktion der Zungen- und Mundbodenmuskulatur. Es erfolgt am Ende des Kauvorgangs, wenn der zerkleinerte Speisebolus geschluckt wird, oder alle 1 bis 2 Minuten, wenn wir Speichel schlucken. Am Ende des Schluckvorgangs, wenn Speise oder Speichel vom Zungenrücken in den Rachen hinabgleiten, stützt sich der Unterkiefer in maximaler Interkuspidation mit einer Kraft von nur 5 Pond am Oberkiefer ab.

Knirschen und Pressen: Bruxismus betrachte ich als eine normale Funktion des Kausystems. Er ist das Phänomen, dass bei der aggressiven Form des Stressverhaltens („Kämpfen“) auch die Kaumuskulatur aktiviert wird, was sich als Knirschen und Pressen mit den Zähnen äußert. Das Zähneknirschen ist eine zahngeführte Seitwärtsbewegung entlang der latero- und mediotrusiven Führungsflächen von Front- und Seitenzähnen, das Pressen eine zahngeführte Vor- und Rückbewegung des Unterkiefers entlang der pro- und retrusiven Führungsflächen von Front- und Seitenzähnen. Vor allem bei nächtlichem Bruxismus entstehen enorm hohe Kräfte: 200 bis 300 Kilo sind gemessen worden. Auch beim täglichen Knirschen und Pressen entstehen Kräfte, die weit über die Kräfte beim Kauen hinausgehen. Bei Bruxismus entstehen beträchtliche Belastungen für die Strukturen der Kiefergelenke.

Sprechen: Bei Sprechen wird die Unterkieferzahnreihe je nach auszusprechenden Lauten in unterschiedlichen Abständen zur Oberkieferzahnreihe (= Sprechabstand). Bei den entsprechenden minimalen Bewegungen treten in den Kiefergelenken nur sehr geringe Kräfte auf.

Atmen: Die Atmung ist keine Bewegungsfunktion des Kausystems. Der Unterkiefer befindet sich beim Atmen in der Ruheschwebelage. Aber bei einer regulären Nasenatmung muss die mimische Muskulatur den Lippenschluss gewährleisten und ebenso die Zunge den dorsalen Abschluss des Mundraums gegenüber dem Rachenraum.

Unsere Ausgangsfrage war: Was müssen wir als Praktiker über das Kiefergelenk wissen? Hier meine erste Antwort darauf:

Die Form der Strukturen der Kiefergelenke hängt zeitlebens von den Kräften ab, die während der verschiedenen Bewegungsfunktionen auf sie einwirken. Wir dürfen dabei von einer großen Anpassungsfähigkeit dieser Strukturen und von einer entsprechenden Variationsbreite unterschiedlicher Formen ausgehen. Aufgrund der enormen Kräfte beim Bruxismus können wir annehmen, dass Knirschen und Pressen die wichtigsten formbildenden Bewegungsfunktionen für die Strukturen des Kiefergelenks darstellen.

Im nächsten Beitrag (in zwei Wochen) werde ich die (normalen) anatomischen Strukturen der Kiefergelenke beschreiben.

Herzliche Grüße
Ihr/Euer Erich Wühr