Mit ‘zentrische Kondylenposition’ getaggte Artikel

Okklusionstherapie

Mittwoch, 06. Juni 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

heute komme ich zum Abschluss unserer Weblog-Serie über die Okklusion. Es geht um die verschiedenen Möglichkeiten der Therapie von Okklusionsstörungen. Wie alle therapeutischen Maßnahmen hat sich auch die Okklusionstherapie am Anliegen und an der Ausgangssituation des Patienten zu orientieren. Ich unterscheide:

  • Einfache restaurative Maßnahmen bei myofaszial beschwerdefreien Patienten: Bei diesen Patienten behalte ich das vorliegende gewohnheitsmäßige Okklusionsmuster bei und passe meine restaurative Maßnahme daran an.
  • Komplizierte restaurative bzw. (implantat-)prothetische Maßnahmen bei myofaszial beschwerdefreien Patienten: Bei diesen Patienten orientiere ich mich an den Ergebnisse einer Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse. Die Herstellung der Arbeit in einem Artikulator ist obligat.
  • Komplizierte restaurative bzw. (implantat-)prothetische Maßnahmen bei myofaszial beschwerdefreien Bruxismus-Patienten: Diese Patienten brauchen in der Regel eine Bisshebung. Diese Bisshebung prüfe ich mit Hilfe von Stabilisierungsschienen oder Langzeitprovisorien zwei bis drei Monate. Nur wenn der Patient myofaszial beschwerdefrei bleibt, übernehme ich die Bisshebung in die definitive Versorgung.
  • Feineinstellung der Okklusion bei kieferorthopädischen Behandlungen: Nach Entfernen der Multibracket-Apparatur führe ich bei diesen Patienten eine Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse durch. Die entsprechende zentrische Unterkieferrelation wird im Artikulator durch Setup und im Mund mit Hilfe eines entsprechenden Elasto-Positioners auf die zentrische Okklusion übertragen.
  • Feineinschleifen der Okklusion nach umfangreichen restaurativen oder (implantat-)prothetischen Behandlungen: Patienten mit umfangreichen restaurativen oder (implantat-)prothetischen Arbeiten werden abschließend mit einer Jig-Schiene versorgt, um auch weiterhin hohe Kräfte bei Bruxismus zu vermeiden. Dadurch werden Muskeln und Gelenke vor Überlastung ebenso geschützt wie die restaurative bzw. prothetische Arbeit vor Bruch oder Chipping. Dann führe ich morgendliche Einschleifsitzungen durch: Der Patient hat dabei die ganze Nacht seine Jig-Schiene getragen und sie im Mund belassen. So kann ich bei bestmöglich entspannter Muskulatur feine Einschleifkorrekturen vornehmen. Diese Einschleifsitzungen wiederhole ich in mehrwöchigen Abständen, bis der Patient angibt, dass er seinen Biss sofort einnehmen kann, wenn er morgens die Jig-Schiene herausnimmt.
  • Einfache und komplizierte restaurative bzw. (implantat-)prothetische Maßnahmen bei myofaszialen Schmerzpatienten: Diese Patienten behandle ich nach dem Konzept der Kraniofazialen Orthopädie. Eine Okklusionstherapie erfolgt in der oben beschriebenen Art und Weise, aber erst, wenn die Patienten beschwerdefrei sind.

Ziel aller Okklusionstherapien ist eine zentrische Okklusion: In der zentrischen Unterkieferposition sollen Ober- und Unterkieferzähne nach den Kriterien Kontakt zueinander haben, die wir im letzten Weblog-Post beschrieben haben.

Damit sind wir am Ende unserer Weblog-Serie über die Okklusion angelangt. Ich habe alle Weblog-Post in einem Artikel zusammengefasst. Diese Zusammenfassung können Sie sich hier herunterladen.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

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Okklusionsdiagnostik

Mittwoch, 25. April 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in unserer Weblog-Serie über die Okklusion komme ich heute zur Okklusionsdiagnostik. Sie ist sowohl Teil der Klinischen als auch der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse des Kraniomandibulären Systems.

Innerhalb der Klinischen Form- und Funktionsanalyse beurteilen wir die Okklusion direkt am Patienten:

  • Als Erstes zählen wir die Zähne: Fehlende Zähne, die nicht adäquat ersetzt sind, bedeuten häufig Störungen der Okklusion, zum Beispiel: Kippungen und Elongationen von Nachbar- bzw. Gegenzähnen, Nichtanlagen mit (oft unvollständigem) kieferorthopädischem Lückenschluss, kieferorthopädische Extraktionstherapie, asymmetrische Zahnbögen durch einseitige Zahnextraktionen.
  • Dann beurteilen wir, ob ausgeprägte intramaxilläre und intermaxilläre Okklusionsstörungen vorliegen: Tiefbiss/Deckbiss, frontal und seitlich offener Biss, frontaler und seitlicher Kreuzbiss, transversale Unterentwicklung der Zahnbögen, Engstände im Front- und Seitenzahnbereich sowie ein- und beidseitige Distalokklusion. Dies sind meiner Meinung nach Formstörungen, über die sich Bruxismus besonders belastend auf Muskeln und Gelenke innerhalb und außerhalb des Kausystem auswirken kann.
  • Schließlich überprüfen wir mit verschiedenfarbigen Okklusionsfolien die statischen bzw. dynamischen Kontaktmuster der habituellen Okklusion. Auffällige Befunde sind fehlende zentrische Kontakte, protrusive, retrusive, mediotrusive und laterotrusive Schlifffacetten an Seitenzähnen bei fehlender Eckzahnführung sowie frontolaterale Schlifffacetten an den Front- und Eckzähnen.
  • Die zentrische Okklusion können wir meiner Meinung nach klinisch nicht eindeutig beurteilen, weil dazu eine lokale und physiotherapeutische Vorbehandlung notwendig ist. Außerdem ist eine vorbehandelte zentrische Unterkieferrelation nur in einem Artikulator eindeutig reproduzierbar.

Nach den gleichen Kriterien beurteilen wir die Okklusion innerhalb der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse. Allerdings sind dabei Gipsmodelle in einer physiotherapeutisch vorbehandelten zentrischen Position in einen Artikulator montiert. Dadurch ist es uns zusätzlich möglich, zentrische Vorkontakte zu identifizieren. Mein Vorgehen bei der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse habe ich schon in früheren Weblog-Posts beschrieben. Nur nach einer solchen instrumentellen Okklusionsanalyse ist die Planung einer definitiven und umfassenden Okklusionstherapie sinnvoll.

Im nächsten Weblog-Post will ich Ihnen vorstellen, mit welchem Okklusionskonzept ich arbeite.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

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Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse – Teil 3: Gewebeverlässlichkeit

Dienstag, 18. Oktober 2011

In diesem Weblog-Post kommen wir zur dritten und entscheidenden Frage der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse: Wie verlässlich ist die Unterkieferposition, die wir registriert haben? Mit anderen Worten: Zeigt uns das Registrat tatsächlich eine Unterkieferposition an, die für den Patienten beschwerdefrei ist?

Nach meiner Meinung ist die Verlässlichkeit des Registrats nicht so sehr von der Methode oder vom Behandler abhängig wie vom Zustand der registrierten Gewebe: Bei Patienten mit myofaszialen Schmerzen, Muskelverspannungen, Formstörungen der Gelenke und Gelenkentzündungen, Körperfehlhaltungen oder ausgeprägten Zahnfehlstellungen und Kieferanomalien wird kein noch so erfahrener Behandler mit keiner noch so ausgeklügelten Methode ein Registrat nehmen können, auf das er sich prospektiv voll verlassen kann.

Wodurch kann die Verlässlichkeit der Gewebe beeinträchtigt werden?

Form und Funktion von Geweben hängen aus systemischer Sicht von den Rahmenbedingungen ab, die sie zu regulieren, adaptieren und kompensieren haben. Irritierende und belastende Rahmenbedingungen führen zu Form- und Funktionsstörungen. Für die an der zentrischen Kondylenposition beteiligten Gewebe sind folgende belastenden Bedingungen von besonderer Bedeutung:

  • Psycho-emotionaler Stress und entsprechend hohe Krafteinleitung beim Knirschen und Pressen
  • Zahnfehlstellungen und Dysgnathien
  • Mikrokontrakturen und Beweglichkeitseinschränkungen in allen Schichten des Fasziensystems (auch im Kraniomandibulären System selbst)
  • Fehlfunktionen der Augenmuskeln (Winkelfehlsichtigkeit)
  • Fehlfunktionen der Fußgewölbemuskulatur

Wie können wir die Verlässlichkeit der Gewebe beurteilen?

Als Hinweise aus fehlende Verlässlichkeit der beteiligten Gewebe gelten für uns folgende Kriterien:

  • Schmerzen in den Kiefergelenken (aufgrund von Arthritis, Kapsulitis oder aktivierter
    Arthrose) und in der Kaumuskulatur (myofasziale Schmerzen)
  • Diskopathien im Kiefergelenk (partielle oder vollständige Diskusluxationen)
  • druckschmerzhafte Muskulatur im Gesichts-, Kopf-, Hals- und Nackenbereich
  • neuralgische und neuralgiforme Schmerzen des Nervus trigeminus
  • motorische Fehlfunktion des Nervus trigeminus
  • ausgeprägter Bruxismus (abradierte Zahnhartsubstanz, Rezessionen der Gingiva, Zahneindrücke in Zunge und Wange)
  • ausgeprägte Zahnfehlstellungen und Dysgnathien
  • Dysfunktionen der Lippe, Zunge und Wange
  • ungenügende Reproduzierbarkeit von Kondylenpositionen

Die Reproduzierbarkeit der Kondylenposition können wir ganz einfach dadurch testen, dass wir drei oder mehr Registrate nehmen und diese im Artikulator mit Hilfe der Split-Cast-Methode überprüfen. Auch elektronische Hilfsmittel (in unserer Praxis wenden wir den Bluefox Freecorder an) eignen sich zur Überprüfung der Reproduzierbarkeit der Kondylenposition: Kann der vorbehandelte N. trigeminus in einem vorbehandelten Fasziensystem die Kaumuskulatur so steuern, dass auf einem frontalen Jig mehrmals hintereinander nahezu dieselbe Unterkieferposition eingenommen wird, dann gehen wir von einem verlässlichen Gewebe aus und damit von einem verlässlichen Registrat.

Wie können wir die Verlässlichkeit der Gewebe herstellen?

Wenn allerdings Hinweise für fehlende Verlässlichkeit der beteiligten Gewebe bestehen und keine reproduzierbare Kondylenposition vorliegt, dann müssen wir erst Maßnahmen ergreifen, die verlässliche Gewebe schaffen: Eliminierung irritierender und belastender Rahmenbedingungen und Wiederherstellung einer möglichst normalen Form und Funktion der beteiligten Gewebe. Dazu stehen uns folgenden Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung:

  • Jig-Schiene und Stress-Management-Training bzw. Entspannungstraining
  • Kieferorthopädie
  • Physiotherapie
  • Optometrie
  • Propriozeptive Einlagen

Wenn wir trotz dieser Maßnahmen keine verlässliche Unterkieferposition finden, dann müssen wir eine therapeutische Position festlegen (hier hat sich in unserer Praxis das CAR-Gerät aus dem Bluefox-Freecorder-System hervorragend bewährt) und mit Hilfe einer Stabilisierungsschiene dem Gewebe anbieten. Diese Schienentherapie wird weiter von entsprechenden Behandlungen zur Herstellung der Gewebeverlässlichkeit begleitet. Nach drei bis sechs Monaten führen wir dann eine erneute Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse durch. Es hängt sowohl von der Qualität der therapeutischen Position als auch von der Qualität der Begleitbehandlungen ab, ob eine verlässliche Unterkieferposition erreicht werden kann.

Im nächsten Weblog-Post beschäftigen wir uns mit den bildgebenden Verfahren der Form- und Funktionsanalyse des kraniomandibulären Systems.

Herzliche Grüße
Ihr Erich Wühr

Instrumentelle Form- und Funktionsanalyse – Teil 2: Registrierung der zentrischen Unterkieferrelation

Dienstag, 11. Oktober 2011

Im zweiten Schritt der Instrumentellen Form- und Funktionsanalyse beantworten wir die Frage nach der räumlichen Lage des Unterkiefers in Relation zum Oberkiefer mit Hilfe eines Bissregistrats und der Montage eines Unterkiefermodells in einen Artikulator – und zwar nach systemischer Vorbehandlung.

Das Bissregistrat muss in zentrischer Kondylenposition erfolgen. Diese Position nehmen die Kondylen automatisch dann ein, wenn physiologische funktionelle und externe Kräfte auf die beteiligten Gewebe wirken. Dies können wir nur durch eine entsprechende Vorbehandlung sicherstellen. In der zentrischen Kondylenposition müssen nach Abschluss unserer Behandlung die Zähne des Patienten in bestmöglicher Okklusion zusammenpassen. Wir sprechen dann von zentrischer Okklusion.

Die Vorbehandlung muss belastende Rahmenbedingungen eliminieren und Form und Funktion der beteiligten Gewebe bestmöglich wiederherstellen. Von besonderer Bedeutung sind dabei die enorm hohen Kräfte beim nächtlichen Zähneknirschen. Sie müssen unbedingt vermieden werden. Dies geschieht in unserer Praxis durch das
nächtliche Tragen einer Jig-Schiene sowie der Durchführung eines Stress-Management-Trainings bei unserem Psychologen bzw. eines Entspannungstrainings, das der Patient eigenverantwortlich absolviert. Form- und Funktionsstörungen des Fasziensystems werden durch physiotherapeutische oder ähnliche Methoden vorbehandelt.

Der Patient wird morgens um 8 Uhr zur Vorbehandlung in der eigenen Praxis oder der Praxis eines entsprechenden Therapeuten einbestellt. Er hat die ganze Nacht vorher seine Jig-Schiene getragen und sie im Mund belassen. Auf sein Frühstück hat er verzichtet. Auch während der Vorbehandlung bleibt die Jig-Schiene im Mund. Erst kurz vor der Bissnahme wird sie herausgenommen und sofort durch einen vorbereiteten frontalen Kunststoff-Jig ersetzt. Der Patient sitzt aufrecht auf der Vorderkante eines normalen Stuhls. Er lehnt sich nicht an. Seine Unterkieferfrontzähne ruhen auf dem frontalen Jig. Wenn der Patient propriozeptive Einlagesohlen besitzt, die ihm nach eigener Einschätzung gut tun, dann registrieren wir die Unterkieferposition nicht im Sitzen, sondern im Stehen.

Der Behandler sitzt oder steht genau vor dem Patienten und gibt ihm folgende Anweisungen: „Spüren Sie den Kontakt Ihrer Unterkieferfrontzähne auf dem Jig! Schieben Sie Ihren Unterkiefer auf dem Jig langsam nach vorne und wieder nach zurück … vor … und zurück … ganz nach hinten … bleiben Sie hinten! Öffnen Sie jetzt ganz leicht den Mund! <mit Daumen und Zeigefinger anzeigen> Klappern Sie jetzt ganz leicht mit Ihren Zähnen auf dem Jig! Stop! Halten Sie den Kontakt auf dem Jig!“ Alternativ: „Schlucken Sie und halten Sie den Kontakt auf dem Jig!“

Diese Position wird mit einem Silikonmaterial verschlüsselt. Mit Hilfe dieses Registrats wird nun auch das Unterkiefermodell im Artikulator montiert. Bevor wir aber im Artikulator die Unterkieferposition in Relation zum Oberkiefer beurteilen, stellt sich eine wichtige Frage: „Wie verlässlich ist das Registrat? Zeigt es uns tatsächlich eine Unterkieferposition an, die für den Patienten beschwerdefrei ist?“ Dieser Frage gehen wir im nächsten Weblog-Post nach.

Herzliche Grüße
Erich Wühr